D A S   G E D E N K Z E N T R U M 

 

I N  P O T O È A R I – S R E B R E N I C A 

 

 

S a r a j e v o , Juli 2001

 

Kennzeichnung des sechsten Jahrestags seit dem Fall von Srebrenica – Unterstützung des Aufbaus des Gedenkzentrums für die getöteten Männer aus Srebrenica in Potoèari

Liste der Vermissten aus Srebrenica vom 11. bis zum 17. Juli 1995
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Dieses Jahr am 11.Juli werden es ganze sechs Jahre seit dem Fall der UN – „Schutzzone” Srebrenica sein, als Mladiæs Truppen auf die brutalste Art und Weise in nur drei Tagen 10.000 vorwiegend Männer und Knaben töteten. Die ersten Opfer wurden in Potoèari geköpft, als sich die serbischen Truppen unter die Masse der Flüchtlinge, die in der Akkumulatorenfabrik Zuflucht gesucht hatten, mischten. Es wird geschätzt, dass in Potoèari mehr als drei Tausend Männer und Knaben getötet und dass mehrere Tausend von ihnen nach der Folter an Orte der Massenexekution wie Kravica, Konjeviæ Polje, Nova Kasaba, Zvornik, Karakaj, Pilice, Bratunac gebracht und dort auf die brutalste Art und Weise liquidiert wurden.

Nach Angaben einiger Menschenrechtsorganisationen sind bei dem Fall von Srebrenica über 7.000 Personen verschwunden oder wurden getötet, während die Vereinigung „Bewegung der Mütter aus den Enklaven Srebrenica und Žepa” davon spricht, dass in diesem Exodus über 10.000 Männer, Frauen und Kinder getötet wurden. Für die Mehrheit von ihnen weiss man, dass sie sich in Massengräbern befinden, die nachträglich umgegraben und zerstört werden, so dass der Identifikationsprozess sehr erschwert ist. 

Ganze fünf Jahre wurden im Tunnel des Kommemorativzentrums in Tuzla exhumierte Skelettüberreste in 1.250 Plastiksäcken gelagert. Im Kommemorativzentrum in Visoko warten noch immer 4.000 exhumierte Überreste, überdeckt mit Plastikplanen, auf den Identifikationsprozess. In den Säcken, die im Kommemorativzentrum in Tuzla gelagert werden, befinden sich Skelettteile mehrerer Personen, während nur in einem Teil der Säcke komplette Skelette oder der grösste Teil des Skeletts einer Person gelagert werden. Fachleute können nur aus kompletten Skeletten Proben entnehmen, aus denen man dann auch den Körperstoff DNS (DNA) erhalten kann. In der DNS  befindet sich der Grundkode jeder Person, durch den man dann durch das Vergleichen der DNS des Opfers mit der DNS seiner Familienangehörigen seine Identität feststellen kann. Der Identifikationsprozess läuft sehr langsam ab und bis jetzt sind erst ca. 70 Überreste identifiziert worden. Es stellt sich nun die Frage, wie man die Knochen bzw. Skelettteile bestatten sollte, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, ob schon festgestellt wurde, wem diese Skelettteile gehören oder nicht. Und zweites, wie soll man die Knochen und Skelettteile, die absolut nicht identifiziert werden können, bestatten. Die Vertreter der Internationalen Gemeinschaft wie auch OHR sind der Meinung, dass die Familien ihre Zustimmung für die Bestattung von ca. 2.000 für die Identifikation vorbereiteten Überreste geben sollen. Fachleute haben schon aus diesen Körpern die für die Identifikation benötigten Proben genommen.

Nach der durchgeführten Umfrage seitens der „Bewegung der Mütter aus den Enklaven Srebrenica und Žepa“ über den Bestattungsort der getöteten Männer aus Srebrenica sprachen sich 83 % der Befragten für Potoèari, die ehemalige UNPROFOR – Basis, wo in der Zeit vom 11. – 17.Juli 1995  über 4.000 Personen getötet wurden, aus.

Der Hohe Repräsentant für Bosnien und Herzegowina, Herr Wolfgang Petritsch, zeigte Respekt für die Entscheidung der Familien, dass die Überreste ihrer Liebsten in Potoèari, wo die Mehrheit von ihnen massenweise getötet wurde, bestattet werden, und brachte im Oktober des vergangenen Jahres eine Schiedsentscheidung über den Bau des Gedenkzentrums und eines gemeinsamen Friedhofes in Potoèari. Mit dieser Entscheidung von Petritsch sind jedoch nicht alle Probleme gelöst worden. Die Familien der Getöteten aus Srebrenica möchten, dass in Potoèari ein grandioses Gedenkzentrum errichtet wird, welches sich aus mehreren Elementen zusammensetzen würde: Einem Museum mit einer Fotogalerie, einem Filmraum und einem Park, was aber die Vertreter der Internationalen Gemeinschaft mit der Begründung abschlagen, dass dies zu teuer wäre. Eigentlich handelt es sich hierbei um einen Mangel am politischen Willen in den Reihen der Regierungen einiger westlicher Länder, den getöteten Männern aus Srebrenica bzw. ihren Familien ein Minimum an Satisfaktion  für die schrecklichsten Verbrechen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg zu geben.

Für Tausende der Überlebenden aus Srebrenica stellt der Bau des Gedenkzentrums eine Linderung ihrer Leiden dar, denn sie werden endlich nach sechs Jahren ihre Liebsten nach Gottes und Menschengesetzen bestatten können. Wir sind der Meinung, dass dieses Gedenkzentrum zur gleichen Zeit auch eine Mahnung an alle sein wird, dass sich solch ein Exodus nie und nirgendwo wieder ereignet.

Obwohl es der Wunsch der Mütter aus Srebrenica war, dass der Grundstein bei der Kennzeichnung des fünften Jahrestags der Srebrenica-Tragödie gelegt wird, kam es jedoch nicht dazu. Dazu wurde auch die Zahl der angemeldeten Teilnehmer von 5.000 auf 1.000 reduziert, da IPTF und SFOR die Sicherheit so vieler Teilnehmer nicht garantieren konnten. Sie rechtfertigten es damit, dass es eine latente Gefahr gibt, die serbische Bevölkerung könnte die Teilnehmer des Kommemorativtreffens angreifen.

Als unseren Beitrag für den Bau des Gedenkzentrums haben wir einen Runden Tisch zu diesem Thema organisiert,  welcher im Rahmen der Internationalen Frauen – Friedenskonferenz in Srebrenica vom 28. – 30. Mai 2001 stattfand. Die Teilnehmerinnen waren Vertreterinnen von serbischen Frauen - NGOs aus Bratunac und Srebrenica, Vertreterinnen der lokalen Regierung wie die stellvertretende Bürgermeisterin der Gemeinde  Srebrenica, Frau Milka Rankiæ, die Ministerin für Flüchtlinge und soziale Fragen, Frau Besima Boriæ – Mariæ  wie auch Vertreterinnen der Internationalen Gemeinschaft, der SFOR und IPTF. Wir wollten über sorgfältig gewählte Vertreterinnen der lokalen Regierung wie auch über serbische Frauenorganisationen ein positives Klima für den Bau des Gedenkzentrums schaffen, um auf diese Weise eine Wiederholung der schrecklichen Ereignisse in Trebinje und Banja Luka zu verhindern, als eine ausser sich geratene Masse von Menschen die Grundsteinlegung für die Osman – Pascha Moschee in Trebinje und die Ferhad – Pascha Moschee in Banja Luka nicht zuliess.

Alle Teilnehmerinnen waren sich darüber einig, dass das Gedenkzentrum gebaut werden muss, damit die Knochenüberreste der über 10.000 unschuldig getöteten Männer aus Srebrenica endlich Ruhe finden und ihre überlebenden Familienmitglieder eine Schmerzlinderung wegen des Verlustes ihrer Liebsten  erfahren. Auf diese Weise werden die Überlebenden den Kreis der Ungewissheit, der schon volle sechs Jahre andauert, schliessen, und ein neues Leben beginnen.

Die Rückkehr der Toten wird auch den Überlebenden die Rückkehr ermöglichen. 

Die Vertreterin der lokalen Regierung und stellvertretende Bürgermeisterin von Srebrenica, Frau Milka Rankiæ, betonte, dass sie die Idee über den Bau des Gedenkzentrums in Potoèari vom ersten Tag an unterstützt und dass man bei den Vorbereitungen für den Bau schon sehr viel weiter gekommen ist. Gleichzeitig hat sie auch appelliert, dass die gesamte Zeremonie der Grundsteinlegung keinen politischen Beiklang erhält.

Vesna Jovanoviæ, Direktorin von „Amica“ aus Srebrenica sagte: „Ich möchte meine Unterstützung für den Bau dieses Gedenkzentrums für die über 10.000 getöteten Männer aus Srebrenica ausdrücken und bin heute deshalb hier – jedoch mit einem Gefühl von Scham wegen der Erkenntnis, dass solch ein Verbrechen hier wirklich stattgefunden hatte. Heute sind hier alle auf eine bestimmte Weise traurig: Die einen, weil sie Opfer sind und wir, die anderen, weil wir uns dessen schämen, was hier alles passiert ist. Jeder Trauerprozess endet am Grab und deshalb ist es wichtig, dass wir alle den Bau dieses Gedenkzentrums unterstützen.“  

Stanojka Tešiæ, Präsidentin  „Frauenforum Bratunac”: „Ich bin der Meinung, dass alle serbischen Frauen den Bau dieses Gedenkzentrums öffentlich unterstützen sollten, damit die Exhumierten, die schon so lange in diesen Plastiksäcken liegen, auf eine würdevolle Art und Weise bestattet werden können. Ich persönlich bin bereit, mit meinen blossen Händen Steine für den Bau des Zentrums zu tragen, denn die einzige Möglichkeit für die Rückkehr des Lebens in diese wirklich toten Städte ist die sofortige Bestattung der Toten.“

Vesna Mustafiæ, Vertreterin von „Srebrenica 99“: „Ich bin stolz darauf, heute hier zu sein und als Serbin dem Bau des Gedenkzentrums und der Bestattung der Toten meine volle Unterstützung geben zu können. Neben dieser Unterstützung bin ich der Meinung, dass es gut wäre, eine stärkere Kampagne über moslemische und orthodoxe Geistliche durchzuführen, die den Menschen erklären könnten, dass Tote ihre Ruhe brauchen.“

Novka Agiæ, Vertreterin des Serbischen Bürgerrates – Sarajevo: „Für den Menschen ist es immer einfacher, wenn er seine Trauer mit anderen teilen kann. Ich bin heute hier, um diesen Frauen meine Unterstützung zu geben. Wir müssen Druck auf die Politiker machen, damit eine würdevolle Bestattung der Toten erfolgen kann.“

Besima Boriæ – Mariæ, Ministerin für Flüchtlinge - Kanton Sarajevo: „Ich bin heute hier nicht als Ministerin sondern als Mutter und sehe dies als meine menschliche Verpflichtung an. Wann immer ich über das Gute und Böse, das Leben und den Tod nachdenke, denke ich meistens an Srebrenica. Wann immer es mir schlecht geht und ich nicht mehr weiter kann, denke ich an diese Mütter und Frauen, die sich nicht von der Stelle rühren können, bis es nicht diesen Ort gibt, wo sie, wenn sie an den Grabsteinen ihrer Liebsten ein Gebet zu Gott sprechen, endlich ihre Ruhe finden. Diese Geschichte dauert schon zu lange, sie ist zu bösartig und wird ihre Folgen haben. Wir als Frauen müssen mehr Kraft haben und standhaft bleiben, bis endlich alle Toten bestattet werden.“

Am Ende des Runden Tisches waren alle Teilnehmerinnen der Meinung, dass der Wille der Familien der Getöteten aus Srebrenica respektiert und der Grundstein für den Bau des Gedenkzentrums in Potoèari an dem Tag gelegt werden muss, als sich diese schreckliche Tragödie auch ereignet hat – und dies ist der 11. Juli 2001.               

Das Finanzieren des Aufbaus des Zentrums sollte das kleinste Problem sein, denn es wurde die Stiftung “Srebrenica – Potoèari,  Denkmal und Friedhof“ gegründet, dessen Aufgabe es ist, die nötigen Mittel zu beschaffen. Von den Vereinten Nationen erwartet man auch eine finanzielle Unterstützung für die gegründete Stiftung, um die Arbeiten am Bau des Gedenkzentrums zu beschleunigen, da sie für dieses grösste Verbrechen seit dem Zweiten Weltkrieg in Srebrenica, bei dem über 10.000 Menschen unter der UN-Fahne getötet wurden, mitverantwortlich sind.

Das Gedenkzentrum muss dem Ausmass der Tragödie, die sich 1995 in Srebrenica ereignet hat, entsprechen.

Auf einer Fläche von 44.000 Quadratmetern werden 10.000 Grabsteine mit folgenden Namen stehen :

 

 

Über die Organisation "Bewegung der Mütter aus den Enklaven Srebrenica und Žepa"

Mit dem Fall der Schutzzone und Enklave Srebrenica am 11. Juli 1995 verschwanden auch 10.701 Personen, darunter auch 570 Frauen und 1.042 Minderjährige und Kinder. Bis heute wurden (nach Angaben der Staatlichen Kommission für Vermißte) 4.085 Leichenüberreste der Männer aus Srebrenica exhumiert. Die Mehrheit der exhumierten fand man in Sekundärmassengräbern in einem so schlechten Zustand, daß es unmöglich ist, die Skelette zusammenzusetzen und die Identifikation durchzuführen.
Seit Beginn der Arbeit der Bosnischen Sektion der GfbV war die Verbindung zu den Frauen aus Srebrenica einer der wichtigsten Punkte ihres Tätigkeitsbereiches. Nach der Wahrheit über die Vermißten suchend, organisierten wir mit ihnen schweigende Demonstrationen. Es war unser Wunsch, diese Frauen in einer Organisation zu vereinigen, um eine effektivere Arbeit und bessere Realisierung ihrer Ziele - das Suchen nach der Wahrheit über die Vermißten zu erreichen. 1998 haben wir es auch geschafft, alle Mütter in der "Bewegung der Mütter aus den Enklaven Srebrenica und Žepa", welche im Rahmen der Bosnischen Sektion der GfbV in Sarajevo registriert wurde, zu vereinigen.
Die "Bewegung der Mütter aus den Enklaven Srebrenica und Žepa" ist 1998 als eine Bürgervereinigung und eine überparteiliche und regierungsunabhängige Organistion, deren Ziel es ist, die Wahrheit über die mehr als 10.000 Vermißten aus Srebrenica zu erfahren, registriert. Diese Organisation versammelt mehr als 12.000 Mitglieder, die im Kanton Sarajevo (Vogošæa), im Kanton Tuzla und im Kanton Zenica leben.
Die Mehrheit dieser Frauen hat alle männlichen Familienmitglieder verloren und lebt momentan alleine oder mit den überlebenden Enkelkindern.
Um die Welt an die schreckliche Tragödie Srebrenicas, die sich am 11.Juli 1995 ereignete, zu erinnern, organisierten diese Frauen mit der Unterstützung der GfbV - Bosnien und Herzegowina an jedem 11. eines Monats schweigende Demonstrationen in Sarajevo und anderen Städten Bosniens und Herzegowinas unter dem Motto "Wir wollen die Wahrheit über unsere Liebsten", "Wenn sie noch leben - dann befreit sie, wenn sie tot sind - dann möchten wir sie ehrwürdig bestatten".

Der Prozeß der Identifikation ist sehr teuer und läuft sehr langsam ab. Das Team der Forensiker, welches an der Identifikation gearbeitet hatte, konnte bis jetzt nur 53 Überreste identifizieren, wofür es 1.200.000 Dollar ausgegeben hat. Deshalb hat Bob Dole - der Vorsitzende der Internationalen Kommission für Vermißte - dieses Team aufgelöst und ein neues formiert - mit dem Unterschied, daß jetzt entschieden wurde, in Sarajevo ein Institut für Genetik zu gründen, in dem die Knochenanalyse verrichtet werden kann. Man nimmt an, daß auf diese Weise, der Prozeß der Identifikation beschleunigt werden kann.
Es gibt hierbei jedoch ein großes Problem. Für den Prozeß der Identifizierung kann man nur Blut der Mutter oder anderer weiblicher Familienmitglieder verwenden. Bis jetzt sind mehr als 450 Mütter gestorben, dieser Trend setzt sich auch fort. Die Mütter aus Sebrenica sind schwer traumatisiert und gebrochen durch die Trauer für ihre Liebsten, so daß sie frühzeitig und unerwartet sterben. Es ist ganz gewiß, daß die Mehrheit von ihnen nicht den Moment erleben wird, wenn die Knochen ihrer Söhne, Ehemänner und Brüder identifiziert werden. Es wird die Frage gestellt, wem die Resultate der DNA-Analyse überbracht werden sollen.
Dies waren Beweggründe für die Bosnische Sektion der GfbV in Sarajevo zusammen mit der "Bewegung der Mütter aus den Enklaven Srebrenica und Žepa" eine Initiative für die Bestattung der Exhumierten in einer gemeinsamen Grabstätte zu ergreifen. Beinahe ein Jahr dauerte die Diskussion darüber an, wo man die Vermißten bestatten sollte.
Alle Vertriebenen aus Srebrenica akzeptierten die Idee über eine gemeinsame Bestattung, es gab jedoch mehrere Vorschläge bezüglich des Bestattungsortes. Deshalb wurde auch eine Befragung durchgeführt, wobei drei mögliche Bestattungsorte vorgeschlagen wurden:
- Kanton Sarajevo
- Kanton Tuzla
- Srebrenica (Potoèari).

Von den 10.197 Befragten sprachen sich 83 % für Srebrenica (Potoèari) aus.
In Potoèari fand ja auch das größte Massaker statt, wobei Mladiæs Kämpfer in Anwesenheit des holländischen Bataillons mehr als 3.000 Männer töteten.
Für die Durchsetzung des Willens der Befragen aus Srebrenica wie auch für die Errichtung eines Grundsteins am 11 Juli 2000, dem 5.Jahrestag des Falles von Srebrenica, ist eine riesige Unterstützung der Internationalen Gemeinschaft notwendig, da es in der Republika Srpska dafür keinen politischen Willen gibt.
Die serbische Seite in der Gemeinderegierung hat diese Forderung abgeschlagen. Die bosniakische Seite hat in dieser Regierung keinen Einfluß.

Die Mütter aus Srebrenica haben vergangenes Jahr den vierten Jahrestag seit dem Fall von Srebrenica mit einer Reise nach Potoèari gekennzeichnet. Es war schrecklich, daß IPTF nur einer bestimmten Zahl von Frauen (200 Frauen) gestattete, an der Reise teilzunehmen. Nach dem verrichteten Gebet in Potoèari mußten sie sofort wieder in die Busse steigen, ohne sich auch nur eine Minute in Srebrenica aufhalten zu können.
Jede von ihnen will in ihr Haus zurückkehren, sie verlangen jedoch, daß zuerst die Kriegsverbrecher, die ihre Liebsten getötet haben, bestraft werden.

Ziele und Aktivitäten der Vereinigung:
1. Sammeln und Suchen nach Informationen über vermißte Personen;
2. Sicherstellen von Hilfe für Kriegsopfer;
3. Unterstützung bei der Reintegrierung der umgesiedelten Personen;
4. Zusammenarbeit mit internationalen und lokalen Organisationen bezüglich der vermißten Personen;
5. Austausch von Informationen mit Familien der Vermißten aus der Republika Srpska und Herzeg-Bosna.

Das Präsidium der Organisation ist aus fünf Mitgliedern zusammengesetzt. Die Vorsitzende der Vereinigung ist Subašiæ Munira, den stellvertretenden Vorsitz hat Hotiæ Kada. Der Sekretär der Vereinigung ist Mujiæ Sabra. Der Vorstand setzt sich aus fünf Mitgliedern zusammen. Die Vorsitzende der Vorstandes ist Fadila Memiševiæ, Leiterin der Gesellschaft für bedrohte Völker - Bosnien und Herzegowina.

Was bis jetzt getan wurde
Mit ihrer Aktivität konnte die "Bewegung der Mütter aus den Enklaven Srebrenica und Žepa" Druck auf die Internationale Gemeinschaft aber auch auf die heimische Regierung ausüben, den Prozeß der Exhumierung und Identifikation zu beschleunigen. Sie lieferten auch einen eigenen Beitrag zum Auffinden der Überreste, indem sie eigenhändig in den Wäldern von Srebrenica bis nach Tuzla nach zerstreuten Knochen suchten, um so den Prozeß der Identifikation wirklich zu beschleunigen. Sie organisierten einen Besuch der exhumierten Überreste, die in Plastiksäcken in einem Tunnel in Tuzla wie auch in Containern im Kommemorativzentrum in Visoko gelagert werden.
Sie organisierten auch einen Runden Tisch zum Thema der Vermißten. Ebenfalls organisierten sie einen schweigenden Protest anläßlich des Stabilitätspaktes in Sarajevo, wobei sie sich mit Transparenten und Botschaften wie "Vergeßt nicht die Vermißten" an Bill Clinton und Madelein Albright wandten.
Schweigende Demonstrationen zum gleichen Thema organisierten sie auch am 10. Dezember - Tag der Menschenrechte.
Die Mütter protestierten zusammen mit der GfbV - Bonien und Herzegowina auch anläßlich der Verurteilung der drei Männer aus Srebrenica zu je 20 Jahren Freiheitsentzug. Diese drei unschuldig verurteilten Männer wurden von US-Soldaten an die Polizei Karad`iæs ausgeliefert, nachdem sie die Soldaten um Hilfe gebeten hatten. Volle drei Jahre hatten die Mütter vor den Gebäuden der Vereinten Nationen, des Roten Kreuzes, der OSCE und OHR protestiert. Die drei Männer aus Srebrenica wurden schließlich auch freigelassen.

Fünf Jahre nach dem Fall von Srebrenica und fünf Jahre nach der Unterzeichnung des Friedensvertrages in Dayton sind die Frauen aus Srebrenica noch immer die größten Opfer des Krieges in Bosnien und Herzegowina. Von 1992 an mußte ein großer Teil von ihnen ihre Häuser verlassen und in dem damals freien Srebrenica Zuflucht suchen. 1995 wurde nach dem Fall von Srebrenica der größte Teil der Frauen von den Männern getrennt. Sie kamen im freien Gebiet an und wurden in einem der Kollektivzentren untergebracht. Anfang 1996 nach der Unterzeichnung des Friedensabkommens und der Reintegrierung der serbischen Gemeinden Vogošæa, Ilijaš, Ilid`a, Vozuæa verließen diese Frauen die Kollektivzentren und siedelten sich in den verlassenen und zerstörten serbischen Häusern der erwähnten Gemeinden an. Mit einem Minimum an finanziellen Mitteln bauten sie die zerstörten serbischen Wohnungen und Häuser wieder auf, müssen sie heute jedoch verlassen, da die ehemaligen Einwohner zurückkehren wollen. Die Frauen aus Srebrenica müssen auf diese Weise schon zum fünften Mal umziehen, nach Srebrenica können sie jedoch nicht zurückkehren.

Erlebnis von Kada Hotiæ, der stellvertretenden Vorsitzender der "Bewegung der Mütter aus den Enklaven Srebrenica und Žepa":

'Wir haben schlimme Leiden erlebt. Welch ein Kampf für die Existenz und Überleben dies war, kann man vielleicht am besten durch die Tatsache zeigen, daß ich siebenmal zu Fuß nach Voljavica und andere Dörfer ging, um Nahrung zu suchen. Ich lief zwei Tage lang, um ca. 20 kg Maismehl nach Hause zu bringen - von der ständigen Gefahr von Granaten und Bomben gar nicht zu sprechen.
Am 11. Juli 1995 gegen Mittag war ich zusammen mit meinem Ehemann, Bruder und seiner Ehefrau und Kindern in der Wohnung in Baratova. Mein Sohn stürmte in die Wohnung und fragte uns: 'Worauf wartet ihr denn? Sie kommen schon den Berg in die Stadt runter. Wollt ihr, daß man euch abschlachtet?'
Als wir zur Straße liefen, fiel eine Granate in unserer Nähe. Wir mußten uns zuerst verstecken, dann gingen wir aber weiter in Richtung Potoèari. Bei der Tankstelle trennten sich die Männer ab, die über die Wälder gehen wollten. In diesem ganzen Chaos vergaß ich, mich von meinem Sohn zu verabschieden. Ich wandte mich um und sah, wie er sich entfernte. Ich schaffte es noch, ihm zuzurufen: "Viel Glück, mein Sohn!" Er wandte sich um und winkte mir nur mit der Hand zu. Sein Profil und der erhobene Arm ist das einzige Bild, mit dem ich heute noch lebe.
Wir beeilten uns in Richtung Vezionica und UN-Camp. Dort gestattete man uns jedoch nicht, in den Kreis der UN vorzudringen, so daß die Volksmasse gewaltsam die Zäune durchbrach und so eindrang. Die UN-Soldaten fingen an, sich in Panik nach Potoèari zurückzuziehen. Das Volk hängte sich an die Lastwagen. Drei Granaten fielen auf und um die Basis. Ich merkte, wie UN-Flugzeuge über Srebrenica flogen. In einem Moment war ich erleichtert, da ich dachte, daß wir zumindest lebendig Potoèari erreichen werden.
In Potoèari war ich mit der Familie im Kreis der Zinkfabrik. Wir konnten nicht einschlafen, da ständig Granaten in unserer Nähe fielen. Am Morgen gegen 9 Uhr benachrichtigten uns die Übersetzer, daß sich serbische Soldaten unter uns mischen werden und daß wir keine Angst haben sollen, da sie nur nach Informationen suchen würden. Wir saßen in einer Gruppe, mein Ehemann Sead, mein Bruder, seine Frau, ihre beiden Töchter und ich, und schwiegen. Wir hatten keine Kraft für ein Gespräch. Jeder war allein mit seinen Gedanken und seiner Angst. Ich fühlte weder Hunger, Durst noch Hitze. Ich hatte keine Hoffnung, daß ich überleben werde, ich hatte aber auch keinen Willen zum Überleben. Die einzige Erleichterung war, als jemand die Nachricht verbreitete, daß die Männer, die über die Wälder gegangen waren, sicher das freie Territorium erreicht hätten. Viel später sollte ich erfahren, daß dies eine Lüge war.
Gegen 11 Uhr fingen die Tschetniks an, zwischen uns spazierenzugehen. Ein Nachbar (der ältere Sohn von Gargija) erkannte mich und fragte, ob auch ich ihn erkennen würde. Ich sagte, daß viel Zeit vergangen sei und daß er gewachsen wäre. Ein anderer fragte mich ebenfalls, ob ich ihn kennen würde und sagte mir dann, er wäre der Sohn von Sreæko aus Soloèuša. Sie fragten mich, wo mein Ehemann und mein Sohn seien. Ich antwortete, daß mein Ehemann dort sei, daß ich aber über den Sohn nichts wisse. Sie waren über alles gut unterrichtet, sie provozierten uns damit nur. Zum Schluß sagten sie mir, ich soll mich nicht sorgen, da ich das freie Territorium erreichen werde.
Gegen 17 Uhr des gleichen Tages führten die Tschetniks meinen Bruder Ekrem ab. Er kam bald zurück, um seine Jacke zu holen und sagte uns, wir sollen ihn nichts fragen. Er ging, ohne sich umzuschauen. Wir haben uns nicht einmal verabschiedet. Seine Tochter weinte die ganze Zeit über. Wir trösteten sie, aber auch wir konnten nicht mit dem Weinen aufhören. In der zweiten Nacht engten sie den Kreis ein, so daß wir uns aneinander drängen mußten. Auch heute, wenn ich mich an diese Nacht erinnere, überkommen mich Angst und Bangen. Ich sah UN-Soldaten, wie sie unter uns hin und her spazieren. Ich fühlte eine Erleichterung, denkend, daß sie auf uns aufpassen würden. Müdigkeit überkam mich, so daß ich in einer Art Halbschlaf war. Dann hörte ich auf einmal Schreie. Ich riß mich hoch. Überall um mich herum war Geschrei. Ich versuchte, einige Frauen zu beruhigen, denkend, daß die Schreie von einer Kassette kommen.
Das Geschrei legte sich ein wenig, dann hörte man aber die Hilferufe einer Frau: 'Leute, die UNPROFOR-Soldaten schlachten unsere Kinder ab. Sie haben gerade mein Kind getötet!'
Ich habe gedacht, diese Frau hätte einen Nervenzusammenbruch erlitten. Man hat leider wirklich ihren 13jährigen Sohn abgeschlachtet, dies waren nur keine UNPROFOR-Soldaten, sondern Tschetniks in UN-Uniformen. Das haben wir am nächsten Morgen auch erfahren. Die Jammerlaute und Schreie wiederholten sich in dieser Nacht mehrmals. Die Tschetniks führten Mädchen, jüngere Frauen und Knaben ab. Geflüstert überbrachten wir einander, was geschieht.
Am frühen Morgen des 13.Juli weckte ich meinen Mann auf und wir gingen in Richtung der geparkten Fahrzeuge, die die Tschetniks für den Transport bestimmt hatten. Ich sagte, daß ich so eine Nacht nicht noch einmal überleben könnte. Wir konnten bis zur Rampe am Ausgang durchdringen. Als wir die Rampe überschritten, fühlte ich, als ob ich neuen Willen und Hoffnung für das Leben erhalten hätte. Ich dachte, wir wären gerettet. Mein Ehemann, die Töchter meines Bruders, seine Ehefrau und ich liefen in Richtung der Busse los. Drei bis vier Busse bei der Rampe waren jedoch geschlossen. Aus einem der Busse rief uns der Fahrer. Wir gingen mit schnellen Schritten auf diese Seite zu, eine Gruppe von Tschetniks in schwarzen Anzügen hielt jedoch meinen Ehemann an. Einer von ihnen stieß ihn mit seinem Gewehr zur Seite, und mein Ehemann lief mit schnellen Schritten in einem Schockzustand auf die andere Seite. Er wandte sich nicht einmal um. Ohne Wort schaute ich ihm hinterher. Er ging zu der Gruppe der Männer, die auf der Wiese neben der Akkumulatorfabrik versammelt waren.
Dieses Ereignis brachte mich wieder auf den Abgrund. Ich verlor jedes Gefühl für Raum und Zeit. Erst als der Busfahrer zuerst die Musik ein- und dann ausschaltete, fing mein Gehirn wieder an zu arbeiten.
In Kravica sah ich Kolonnen von Gefangenen zu beiden Seiten der Straße. Bei Konjeviæ Polje sah ich auf der Wiese auf der rechten Seite der Straße Gefangene auf Knien und mit hinter dem Kopf verschränkten Armen. Ich habe mich sogar nicht getraut, dahin zu schauen, aus Angst, ich könnte unter diesen Männern meinen Sohn oder Bruder Mustafa sehen, den ich beim Abschied nicht einmal gesehen hatte. Insgeheim hoffte ich jedoch, daß die Männer vielleicht zum Schluß aus Potoèari evakuiert werden würden.
Als ich nach Tuzla kam, habe ich dort niemanden von meinen Angehörigen angetroffen. Ich habe Krankenhäuser besucht, mich an verschiedenen Orten erkundigt, ich bekam aber über niemanden von ihnen eine Information. Die Hoffnung habe ich nicht verloren und warte noch immer auf sie, denn es kann nicht wahr sein, daß mir der Krieg meinen Sohn, Ehemann und zwei Brüder genommen hat. Manchmal werde ich von Panik ergriffen, daß ich auch über sie nichts erfahren werde, wie ich auch über meinen Vater, der seit April 1945 und dem Zweiten Weltkrieg vermißt wird, nie etwas erfahren habe."

Vor einem Monat wurde Kadas Ehemann identifiziert. Man hatte ihn aus einem Massengrab in der Nähe der Stadt Cerska ausgegraben. Wir müssen hierbei erwähnen, daß diese Frauen die Botschaft, daß einer ihrer Angehörigen gefunden wurde, nicht leicht aufnehmen. Auch für Kada Hotiæ, die den Horror von Srebrenica und Potoèari erlebt hat, war es nicht leicht, als ICMP-Vertreter an ihre Tür klopften und sie baten, mit ihnen nach Visoko in das dortige Kommemorativzentrum wegen der Identifikation mitzukommen. Dies sagte sie uns gegenüber:
"Ich fing an zu zittern. Tief in mir drin war die Hoffnung, daß mein Ehemann wie auch mein Sohn noch leben. Ich weiß nicht mehr, was ich gesagt habe, wahrscheinlich etwas Bezugsloses. Sie sagten mir, sie hätten einen Teil des Trainingsanzugs meines Ehemannes gefunden. Ich fragte sie, ob im Trainingsanzug zumindest ein Knochen geblieben sei. Wir setzten uns ins Auto und fuhren los in Richtung Visoko. Der Schüttelfrost wollte nicht aufhören. Meine Hände zitterten so stark, daß ich sie mit meiner Tasche überdecken mußte. Ich erlebte wieder die letzten Stunden unserer Tragödie. Mein Ehemann war im Haus in seinem Trainingsanzug. Als die Tschetniks von allen Seiten in die Stadt eindrangen, mußten wir eilig unser Heim verlassen. Mein Ehemann zog seine neuen Schuhe an. Ich sagte ihm, er soll nicht die neuen anziehen, worauf er erwiderte: 'Du siehst, es ist Krieg, wer weiß, ob ich jemals wieder solche Schuhe werde kaufen können.'"
Kada hat ihren Ehemann an seinem Trainingsanzug und seinen Schuhen erkannt.

   

S R E B R E N I C A

FÜNF JAHRE DANACH

 

  

Gesellschaft für bedrohte Völker

Bosnisch-herzegowinische Sektion

 

S a r a j e v o, Juli 2000

 

 

Für Menschenrechte. Weltweit.

 

Gesellschaft für bedrohte Völker, Trampina 4/IV, 71000 Sarajevo

Tel.: 00387 33 213 707, Tel./Fax: 00387 33 213 709

e-mail: gfbv_sa@bih.net.ba, homepage: http://members.xoom.com/gfbvbh

 

 

 

 

Herausgeber: Gesellschaft für bedrohte Völker - Bosnien und  Herzegowina

Verantwortlich: Prof. Fadila Memišević

Redaktion: Prof. Fadila Memišević - Leiterin der GfbV - Bosnien und

                Herzegowina;  Belma Delić, Seniorassistent

Übersetzung auf Deutsch: Belma Delić

Druck: Eigendruck GfbV - Bosnien und Herzegowina

 

INHALT

 

Einführung ...............................................................................      4

 Die Schreie kamen von allen Seiten - Zeugenaussagen ...............      7

 Fünf Jahre danach ....................................................................    18

 Rückkehr .................................................................................    21

 Die ersten Reisen nach Srebrenica ............................................    22

 11.Juli in Potočari ....................................................................     26

 Zusammenfassung ...................................................................    32

 

 

 

Prof. Fadila Memišević

Leiterin der Gesellschaft für bedrohte Völker

Bosnisch-herzegowinische Sektion

 

  Einführung

  Srebrenica ist die fürchterlichste Erniedrigung des Westens seit Ende des Zweiten Weltkrieges

         Srebrenica war die erste bosnische Enklave, die 1993 zur "Schutzzone" der Vereinten Nationen ernannt wurde. Die Entscheidung kam vom General Mourillon während seines Srebrenica-Besuches im März 1993. Diese Initiative, die persönlich über das Fernsehen überbracht wurde, hat den Sicherheitsrat, der sowieso unter dem Druck der Weltöffentlichkeit war, gezwungen, im April 1993 die Resolution 819, in der Srebrenica zur "Sicherheitsschutzzone" ernannt wird, zu verabschieden.

In den Vereinten Nationen selbst war die Meinung darüber geteilt. Man befand sich sogar in der Situation, dass der Generalsekretär Boutros Ghali von Anfang an nicht geglaubt hat, dass man wirklich einen Schutz gewährleisten kann.

Zwei Jahre später, Anfang Juli 1995 wird Srebrenica seitens des Westens als erste Schutzzone an die Serben übergeben. (Einige Wochen später wurde auch Žepa vom gleichen Schicksal getroffen.)

In der Srebrenica-Enklave, die nach einer Schätzung 200 Quadratkilometer umfasste, lebten ca. 40.000 Zivilisten in unglaublichen Lebensumständen. Darunter waren Frauen, Kinder und Greise am zahlreichsten.

Mit der schrecklichen Blockade haben die bosnischen Serben aus Srebrenica ein einzigartiges „Ghetto“ gemacht, welches vollkommen auf internationale Hilfe angewiesen war und in welchem  das Recht des Aggressors herrschte.

Die Anwesenheit der UN-Soldaten hatte die Militäraktionen für zwei Jahre „eingefroren“. Ihre Anwesenheit sollte das Leiden der Bosniaken, deren Schicksal nun vollkommen von der humanitären Hilfe abhing, reduzieren.

Kleine humanitäre Transporte, die von Zeit zu Zeit durchgelassen wurden, brachten gerade so viel, wie zum Überleben notwendig war: Medikamente, Mehl, Bohnen, Öl und manchmal auch Schuhe und Kleidung.

Es fehlte praktisch an allem Lebensnotwendigen. Ohne Freiheit, in ständiger Angst vor der serbischen Artillerie und serbischen Hinterhalten blieben die belagerten Einwohner (80 % von ihnen waren Flüchtlinge aus Bratunac, Rogatica, Cerska, Sapna, Konjević Polje, Vlasenica, Zvornik) in ihrem Kampf fürs Überleben sich selbst überlassen. Die Zukunft dieser Menschen war praktisch in den Händen der Internationalen Gemeinschaft.

Anfang 1995 hat sich der Führer der bosnischen Serben, Radovan Karadžić, ermutigt durch immer häufigere Aussagen über Abzug der UNPROFOR-Truppen aus Bosnien, für eine Politik der vollkommenen Blockade entschlossen. Dies bedeutete praktisch die vollkommene Isolation der Enklave und die Blockade aller humanitären Transporte mit den benötigten Lebensmitteln und Medikamenten.

In der Enklave befanden sich zu dieser Zeit an internationalen Organisation: das Internationale Rote Kreuz, Ärzte ohne Grenzen und der UNHCR. Der erwähnten totalen Blockade wegen waren diese Organisationen sehr lange nicht in der Lage, Verstärkung oder neues Personal zu bekommen.

Im Mai 1995 klang der Kommentar von Nikola Koljević sehr zynisch, als er auf die Frage der Reuter-Journalisten über das Schicksal des Personals der internationalen Organisationen, das in dieser Enklave vollkommen blockiert war, antwortete: „Sie sind keine Geiseln, sie können gehen, wann immer sie wollen.“

Die Enklave wurde 1,5 Jahre lang von UN-Soldaten aus dem holländischen Kontingent „bewacht“. Ihre „Effektivität“ bestand nur darin, die bosnischen Soldaten zu entwaffnen.

Ende Mai wurden die serbischen Angriffe auf die Enklave immer brutaler. Am 30. Mai wurde Dugo Polje angegriffen, einen Tag später versuchte die serbische Armee, den UN-Punkt in Ljubisavići einzunehmen.

Am zweiten Juni zwangen die Truppen Karadžić´s  das holländische Bataillon dazu, vom Punkt in Zeleni Jadar abzuziehen. Danach war Zeleni Jadar unter der serbischen Kontrolle, welche auch die komplette Ausstattung der SFOR-Truppen an diesem Punkt übernahm. Nach diesem schändlichen Rückzug des holländischen Bataillons kam es zu Gesprächen, Unterhandlungen und Überzeugungsversuchen seitens des Oberst Karemans, dem Kommandanten des in Srebrenica stationierten holländischen Bataillons, mit der militärischen und zivilen Führung der Serben über den Rückzug vom okkupierten UN-Punkt.

Als Antwort auf die Forderungen des Oberst Karemans beschoss die serbische Armee  die Siedlung „Švedsko selo“ in Slapovići, in der ca. 3.000 Vertriebene, meistens Frauen und Kinder, untergebracht waren, und versuchte  den zweiten UN-Punkt in Ljubisavići einzunehmen. Gleichzeitig wurden auch die Angriffe auf Žepa intensiviert.

Am ersten Juli 1995 forderte Holland, von dieser Aufgabe erlöst zu werden, was die Vereinten Nationen auch akzeptierten. Später sollte sich jedoch herausstellen, dass kein Mitgliedsstaat der Vereinten Nationen diese Verpflichtung übernehmen oder mit Holland teilen wollte.

Etwas später erklärte die Ukraine ihre Bereitschaft, Truppen für den Schutz der Enklave zu entsenden; bevor die Ukrainer jedoch kamen, wurde Srebrenica „überrannt“.

Durch das Nicht-Intervenieren der Truppen der Vereinten Nation ermutigt, begannen die Serben damit, große Mengen an Waffen und Kriegstechnik aus Serbien heranzufahren und verteilten sie dann um Srebrenica. Anfang Juli steht ein Ring der Ungewissheit und Gefahr um Srebrenica; die serbischen Truppen festigen ihn von Tag zu Tag.

Der serbische General Ratko Mladić befahl am 6. Juli den Angriff auf die Enklave, wohl wissend, dass der Westen nicht eingreifen wird.

Früh morgens am 6. Juli begann die serbische Armee die entscheidende und letzte Offensive auf Srebrenica.

Die Aussage des französischen Generals Janvier, dass "sich Srebrenica allein verteidigen kann", hat jedes Eingreifen der UN-Truppen unmöglich gemacht.

Am dritten Tag der Offensive, am 8.Juli, nahmen die Serben Biljeg ein. Dort wurde ein Transporter des holländischen Bataillons beschlagnahmt, seine Besatzung nach Bratunac gebracht. Die Serben erpressten dann das UNPROFOR-Kommando in Sarajevo und hinderten den Generalsekretär der Vereinten Nationen, Boutros Ghali, daran, eine Entscheidung über den Einsatz von Luftangriffen in Srebrenica zu bringen. All diese Aktionen waren sehr erfolgreich und koordiniert mit der starken serbischen Lobby in Paris, London und New York, welche erfolgreich auf die Entscheidungen der Vereinten Nationen beim Verhindern der Intervention der NATO-Lufteinheiten Einfluss nahm. Man muss jedoch zugeben, dass Holland den Serben am meisten geholfen hat, da es gegen jede Art von Luftangriffen war, solange holländische Soldaten nicht aus Bosnien evakuiert worden seien.

Die anderen europäischen Mitglieder der Vereinten Nationen haben Holland absolut unterstützt und konnten keiner Aktion zustimmen, die die Holländer in Gefahr bringen würde. Die Serben wussten dies und hielten deshalb die Mehrheit der holländischen Soldaten als Geiseln in der UN-Basis in Potočari gefangen. Die schändliche Hilflosigkeit vor der unerträglichen Brutalität der Serben hat dazu geführt, dass Srebrenica zur schrecklichsten Erniedrigung für die westlichen Demokratien seit dem Zweiten Weltkrieg wurde.

Am 9.Juli wurden Hunderte von Menschen getötet, nachdem man die Siedlungen „Švedsko selo“ in Slapovići, Pusmulice und Ljubisavići angezündet hatte. Panzer, die man mit bloßem Auge sehen konnte, beschossen die Stadt ununterbrochen und näherten sich dem Zentrum. Das ungeschützte Volk floh in panischer Angst und unter schrecklichem Artilleriebeschuss zur Post, dem Krankenhaus und der UNPROFOR-Basis, die in Potočari stationiert war.

Das Krankenhaus war überfüllt, so dass Verwundete und Kranke in den Gängen lagen, während überall um sie herum Granaten fielen.

Neben den heimischen Ärzten leistete auch das medizinische Team „Ärzte ohne Grenzen“ Hilfe und operierte ununterbrochen. Dieses medizinische Team bat die holländischen Ärzte der UNPROFOR-Truppen, die in Potočari stationiert waren, um Hilfe.

Nach dem Bericht des medizinischen Teams „Ärzte ohne Grenzen“ haben ihre holländischen Kollegen jede medizinische Hilfe den leidenden Menschen Srebrenicas verweigert und begründeten dies mit der Tatsache, dass das medizinische Team der Vereinten Nationen nur dann medizinische Hilfe im besetzten Gebiet leisten kann, wenn sich unter den Verletzten auch Vertreter der Friedenstruppen befinden.

Diese Verweigerung medizinischer Hilfe für die leidenden Zivilisten ist ein weiterer Beweis für den unerträglichen Zynismus des westlichen Nicht-Intervenierens. Gerade wegen diesem Nicht-Intervenieren des Westens konnten die serbischen Truppen die Enklave sehr schnell unter ihre Kontrolle bringen.

Am nächsten Tag, dem 11.Juli, begann das größte Massaker an ziviler Bevölkerung in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg und das größte Leiden der Bosniaken in der Geschichte des bosniakischen Volkes.

Die Blauhelme konnten die Ausrottung und Massenvertreibung eines Volkes nur beaufsichtigen. Diese Politik der Vereinten Nationen hatte ja auch das Waffenembargo eingeführt und so den Bosniaken jede Möglichkeit für die Verteidigung ihrer eigenen Leben genommen.

Das holländische Bataillon hatte nach der Aussage des holländischen Verteidigungsministers Voorhoeve nicht die Aufgabe, die Enklave zu schützen sondern nur die Angreifer zu entmutigen, da man annahm, dass allein die Anwesenheit der Vereinten Nationen  in den Schutzzonen genüge, um diese Aufgabe zu erfüllen.

Diese Annahme wurde in Srebrenica in einer dramatischen Weise bestraft. Den größten Preis für diese falsche Annahme bezahlte die Zivilbevölkerung, die Opfer einer Massenexekution wurde. Davon zeugen die US-Satellitaufnahmen  wie auch Hunderte von Aussagen der überlebenden Zeugen.

Niemand hat versucht, dieses Massaker zu stoppen. Es ist offensichtlich, dass alles schon früher entschieden wurde. Vor allem seitens der USA, die schon ein halbes Jahrhundert über eine bedeutende Macht in Europa verfügen.

Schon 1991 entschied jedoch die Regierung des Präsidenten Bush, dass sie sich enthalten und keine Gewalt anwenden wird. Die NATO war praktisch ausgeschlossen.

Die Europäische Union hat behauptet, es gäbe keine Möglichkeit, Gewalt anzuwenden. Die westlichen Mächte haben praktisch  grünes Licht für den Krieg in Bosnien gegeben, und niemand hat sich dieser schrecklichen Massaker wegen gesorgt.

Der größte Fehler des Westens bestand darin, dass man die Aggression auf Bosnien so bekämpfen wollte, wie man die Auswirkungen von Naturkatastrophen wie Erdbeben oder Überschwemmungen bekämpft. Statt einer Verteidigung führte man eine karitative Initiative und humanitäre Hilfe ein. Die strategische Bedeutung der Friedenstruppen war, als Polizisten den Zufluss der humanitären Hilfe zu regulieren und nicht als Friedenstruppen zu wirken. Gerade aus diesen Gründen wurden sie auch so sehr erniedrigt in Srebrenica.1  

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  Man hörte Schreie von allen Seiten

 

  1.  N.N., Mädchen aus Potočari, hat den Fall der Enklave miterlebt

 

"Es sind schon fünf Jahre vergangen, seit Srebrenica in Hände der Tschetniks gefallen ist. Ich war damals noch sehr klein, aber ich werde trotzdem den Juli 1995 niemals vergessen können. Srebrenica und die umliegenden Dörfer wurden in diesen Tagen konstant beschossen, so dass auch unsere Schulen geschlossen wurden. Ich mochte es, zur Schule zu gehen, da ich dort meine Freundinnen sah und mit ihnen spielen konnte. Die Serben wussten auch schon früher, was in Srebrenica passiert, da sie die Stadt in UNPROFOR-Uniformen betreten hatten.

Diesen Sommer hatte ich die fünfte Grundschulklasse abgeschlossen.

Die Tschetniks griffen zuerst Zeleni Jadar  - eine industrielle Siedlung 12 km von der Stadt entfernt - an. Große Menschenkolonnen bewegten sich unter ständigem Beschuss in Richtung Potočari. Meine Eltern glaubten jedoch, dass sich alles noch beruhigen wird und dass es nicht volkommen hoffnungslos ist. Aber auch am nächsten Tag war es nicht besser und wir mussten nach Potočari. Ein Teil der männlichen Bevölkerung wollte über die Wälder zum freien Territorium kommen, dieser Weg wurde aber von einer großen Ungewissheit begleitet. Nach der Ankunft in Potočari brachte man uns in einer großen Fabrik unter. Wir waren verängstigt und wussten nicht, was wir machen sollten. Plötzlich tauchte ein Tschetnik in einer UNPROFOR-Uniform auf und begann zu schreien und zu drohen: 'Niemand wird die Fabrik verlassen, ohne dafür mit Blut zu bezahlen' schrie der Tschetnik die Masse der verschreckten Frauen, Kinder und Greise an.

  In dieser Nacht konnten wir wegen der Schreie, die von allen Seiten drangen und sich in der Tiefe der Nacht verbreiteten, nicht schlafen. Von den Bergen kam das Echo der Schreie zurück und verlieh ihnen einen noch schrecklicheren Laut. Männer und Knaben wurden aus der Fabrik hinausgeführt und nicht mehr zurückgebracht. Niemand wusste, was mit ihnen passierte. In meiner Angst flehte ich zu Gott, es endlich Tag werden zu lassen, damit wir nach Kladanj fahren können. Am Morgen gingen meine Mutter und ich, um Wasser zu suchen, obwohl wir mehr Hunger als Durst hatten. Neben der Wasserstelle stand ein Haus, dessen Wände voller Blut waren. Ich blieb stehen und wollte meine Mutter darauf aufmerksam machen, dann erstarrte ich aber beim Anblick, der sich mir bot. Ein gekreuzigter Mann stand an der Wand des Hauses. Diesen Anblick werde ich mein ganzes Leben lang nicht vergessen. Voller Angst ging ich schnell zurück.

Die Gerüchte über die nächtlichen Massaker verbreiteten sich schnell. Es verging noch ein Tag und es lag noch eine schwere Nacht vor uns. Ich zitterte vor Angst und einer merkwürdigen Kälte. Vor der Dämmerung hörte man Schreie und Weinen. Vor die Fabrik kamen vergewaltigte und misshandelte Frauen, die dort der schweren Misshandlungen  wegen starben. Der schauderhafte Anblick erfüllte meine Kinderaugen. An diesem Tag, 12. Juli, fuhren wir endlich nach Kladanj. Männer und Knaben wurden auf die andere Seite gewiesen, wobei man sagte, dass es einen anderen Bus für sie geben würde.

In Bratunac wurden wir angehalten. Dort forderte man Geld von uns und fragte, ob es unter uns Familienangehörige unserer Soldaten gibt. Sie zählten dabei einige Familiennamen auf. Die Serben aus Bratunac lachten und erhoben drei Finger. In Kravica wurde uns die gleiche Szene geboten, niemand durfte aber etwas sagen. Auf dem Weg zu Nova Kasaba sahen wir viele gefangengenommene Männer mit hinter dem Kopf verschränkten Händen. Viele erkannten unter ihnen ihre Familienmitglieder. Die Fahrt nach Kladanj kam mir vor wie eine Ewigkeit. Nach zwei Tagen in Dubrave brachte man uns im Schulgebäude in Mramor unter.

Heute besuche ich eine Handelsschule in Tuzla. Wann immer ich in die Ferne blicke, hoffe ich, dass von irgendwo mein Onkel auftauchen wird, über den wir bis heute nichts wissen. Seine beiden Töchter warten voller Hoffnung darauf, dass er kommt und wollen nicht glauben, dass es ihn nicht mehr gibt. Das Leben setzt sich unerbittlich fort. Wir müssen weiter durch das Leben, welches uns die schönsten Tage der Kindheit vorenthalten und geraubt hat. Das, was ich in Srebrenica erlebt habe, werde ich niemals vergessen können."2

  2.  N.N. weiblich aus Cerska, geboren 1956. Mutter von vier Kindern. Lebte seit März 1993 als Flüchtling in der Stadt Srebrenica bis zu ihrem Fall. Ihr Ehemann wird seit Juli 1995 vermisst

  "Wir ergaben uns der UNPROFOR in Potočari mit der Hoffnung, sie würden uns vor Verbrechen und Misshandlungen schützen. Am ersten Tag in Potočari wurde ich von Tschetnik - Herzögen erniedrigt. Als ich ein Haus betrat, um eine Decke zu suchen, wurde ich von Tschetniks gefangengenommen. Einer von ihnen setzte mir einen Gewehrlauf an den Hals und zwang mich dazu, mit ihm das Haus zu betreten. Er forderte Geld von mir, und als ich ihm sagte, dass ich keines hätte, begann er damit, mich durchzusuchen. Er fand kein Geld und befahl mir, meine Schuhe auszuziehen. Daraufhin fasste er mich bei der Brust und warf mich auf die Treppen. Am Ende sagte er mir, dass ich darüber, was passiert war, mit niemandem sprechen dürfe, da er mich ansonsten in der Menge finden und mir die Kehle durchschneiden würde.

Ich habe diesen Tschetnik, der mich durchsucht und misshandelt hat, erkannt. Es war der Sohn von Drago Gajić. Er fragte mich, woher ich komme, und als ich ihm antwortete, ich wäre aus Cerska, sagte er, dass am Ort Grobić viele ihrer Leute umgekommen wären und dass sie deshalb die "männliche Saat" in Cerska ausrotten würden. Nach diesem Zwischenfall im Haus habe ich mich so erschrocken, dass ich nicht mehr wusste, wo ich mich befinde. Ich kehrte zu unseren Leuten zurück, und sie fragten mich: 'Weshalb bist du denn so bleich?' Ich erzählte ihnen, was passiert war.

Ich bereitete für meine Kinder Brot vor. Mein Ehemann schaute zu, wie sie essen und sagte vorahnend: 'Eßt, vielleicht werden wir nie wieder zusammen essen können!'

Später gingen wir in Richtung der Barrikaden, wo ich unter den Tschetniks einen Lehrer aus Cerska, der aus Milići stammte, erkannte. Er tat so, als ob er niemanden erkennen würde und wandte den Kopf von uns ab. Meinen Ehemann sonderten sie ab, und ich ging alleine mit den Kindern in Richtung der Busse. Nach diesem Tag habe ich nie wieder etwas von ihm gehört. Wenn heute diese Ereignisse zur Sprache kommen, ergreifen mich Angst und Schauder. Ich habe gesehen, wie Zuhdija Turnadžić über eine Wiese rennt. Die Tschetniks schossen auf ihn und riefen ihm zu, er soll stehenbleiben. Dann gingen zwei von ihnen auf ihn zu und befahlen ihm, die Arme hochzuheben. Sie führten ihn in ein Maisfeld ab, und als sie zurückkehrten, habe ich gesehen, wie ein Tschetnik sein blutiges Messer mit Maisblättern abwischt.

In Potočari habe ich noch eine schreckliche Szene gesehen. Auf einer Wiese lagen Männer und Frauen mit durchgeschnittenen Kehlen, neben ihnen schlachtete ein Tschetnik im weißen Mantel eine Kuh. Eine weitere Frau gesellte sich zu mir. Der Tschetnik drehte sich dann um, sprach eine Gotteslästerung aus und sagte: 'Was schaut ihr so? Diese Kuh hat genauso wie die Leute, die hier liegen, Blut gelassen.'

Ich habe viele ältere Menschen aus Cerska gesehen, die von Tschetniks in Potočari abgesondert wurden: Hamid, Šaban, Bego Ibrahimović und Rahman Baltić."3

  3.  N.N., Hausfrau, geboren 1958 im Dorf Joševa. Mutter von vier Kindern. Lebte nach der Vertreibung aus Karačići seit Frühling 1993 bis zum Sommer 1995 in Srebrenica.

  "Am 11. Juli 1995 wurden wir aus Srebrenica in das UN-Camp in Potočari getrieben. Mein Ehemann, meine Brüder und mein Onkel gingen über Wälder mit den anderen wehrfähigen Männern. Die Tschetniks entwaffneten die Holländer und liefen in ihren Uniformen durch das Volk, wobei sie sagten, dass uns nichts passieren würde.

Am Mittwoch, den 12.Juli, tauchte Ratko Mladić auf. Er begann damit, Saft und Bonbons an die Kinder zu verteilen, dem Volk warf er Brot zu. 'Habt keine Angst, niemand wird euch etwas zuleide tun', sagte er. Er blieb kurz und ging dann. Sofort nach seiner Abreise begannen die Tschetniks damit, Gruppen von Männern abzuführen. Sie suchten sich aus, wen sie wollten. Sie führten verschiedene Leute ab und brachten sie wieder zurück. Einige jedoch kehrten nie wieder zurück. Ich habe gesehen, wie sie vor meinen Augen Nezir aus Tokoljak, der in Srebrenica im Učina-Feld gelebt hat, abführten. Nach ca. 15 Minuten brachten sie ihn zurück. Vor der Abenddämmerung des gleichen Tages wurde er wieder abgeführt und kehrte nicht mehr zurück. Die ganze Nacht über hörte man Geschrei und Hilferufe. Ein Mann rief nach seinem Sohn, dessen Namen man nicht verstehen konnte. Dann habe ich mit meinen Töchtern, meiner Schwiegermutter, Schwester und ihren Kindern und der Schwiegermutter entschieden, gegen fünf Uhr früh aufzustehen. Wir haben uns nicht hingesetzt, bis wir in die Busse eingestiegen sind.

Zehn bis fünfzehn Meter vom Bus und Lastwagen entfernt fassten wir uns an den Händen, um dem Gedränge auszuweichen und einander nicht zu verlieren. Beim ersten Versuch schafften wir es nicht, in den Bus einzusteigen.

Es war so ein Gedränge, dass man es ohne Wasser nicht aushalten konnte. Ich ging zu einem Haus in Richtung von Budak, um dort Wasser zu holen. Es war gegen acht oder halb neun Uhr morgens. Die Sonne schien schon sehr heiß. Viele Menschen gingen in dieses Haus, um Wasser zu holen. Um das Haus herum standen auch  Tschetniks, die dem Volk zuriefen: 'Los, los, holt Wasser!'

Im Haus gab es so viel Blut auf dem Boden, dass ich beinahe sagen könnte, es wäre knöcheltief. Überall auf dem Boden lagen verstreut schwarze Gürtel. Die Tschetniks haben wahrscheinlich mit Absicht dieses Haus für den Wasserbedarf geöffnet, damit wir diesen Schrecken sehen müssen.

Als ich Wasser eingoss, erschrak ich so sehr, dass ich am ganzen Körper zitterte. Ich kehrte zurück zu der Menschenmenge.

Meine Töchter und meine Schwiegermutter fingen an zu weinen, da sie Angst hatten, wir würden uns im Gedränge verlieren. Wir gingen los, um zuerst auf einen Lastwagen zu steigen, man sagte uns aber danach, wir sollen in den Bus steigen. Beinahe alle Männer wurden vor den Bussen und Lastwagen von uns getrennt; es war selten, dass sie jemanden durchgehen ließen.

In Bratunac stieg ein serbischer Soldat in unser Bus und fuhr mit uns bis nach Kravica. Als der Bus in Kravica anhielt, um ihn aussteigen zu lassen, bekam ich Angst, da ich mit meinen Töchtern auf dem letzten Sitz saß. Ich fürchtete, man könnte ihnen etwas zuleide tun.

An zwei-drei Orten waren Haufen von Rucksäcken und Säcken unserer gefangengenommenen Männer. Die Männer waren mit nacktem Oberkörper oder in T-Shirts. Diejenigen in Tarnanzügen lagen auf der anderen Seite. Ich weiß nicht, ob sie tot oder lebendig waren.

Einer der Tschetniks sagte: 'Könnt ihr eure Männer erkennen?'

Ich habe den Kopf nicht mehr hochgehoben und konnte auch nicht mehr aufschauen. Bis Milići war ich in einer Art Schockzustand. Als wir durch Milići fuhren, warf man mit Steinen auf uns und beschimpfte uns.

Als wir in Tišća ankamen, kamen ca. zehn Tscheniks aus einer Baracke auf uns zu und sagten neben vielen Schimpfwörtern auch: 'Mensch seid ihr viele, wir können euch ja bis Neujahr nicht alle abschlachten.'

Wir betraten unser Territorium in Kladanj und gingen dann zum Flughafen Dubrave. Die Frauen weinten und schrien, denn erst da hatte man gesehen, dass keiner der Männer, die in Potočari waren, mit uns gekommen war. Es kamen bloß drei - vier Kinder. Ein achtjähriger Junge  wurde zusammen mit seinem Vater in Potočari gefangengenommen. Ihn ließen sie dann gehen, den Vater behielten sie jedoch. Der Sohn von Sead Krdžo aus Osmači war ebenfalls mit uns, während sein Vater in Potočari geblieben war. Von meinen männlichen Familienmitgliedern, die über die Wälder gegangen sind, ist niemand gekommen."4

 

4.  N.N. - weiblich, geboren 1966 in einem Dorf unweit von Bratunac. Als der Krieg angefangen hatte, befand sie sich in einem Dorf, in dem sie seit ihrer Heirat gelebt hatte. Dort blieb sie auch bis 1995, als sie nach Srebrenica vertrieben wurde

  "In Srebrenica wohnte ich in der Nähe des Krankenhauses. Die meiste Zeit verbrachten wir in Kellern, wo wir uns vor serbischen Bomben und Granaten versteckt hielten. Wir lebten ohne Nahrung in einer sehr schwierigen Situation, später kam dann aber Hilfe mit Konvois und aus Flugzeugen. Die Versorgung mit Nahrung besserte sich, es kam jedoch zu einem anderen Unglück. Meine ältere Schwester wurde bei der Suche nach Flugzeugpaketen mit Nahrung getötet. Eine Palette mit Nahrung tötete sie.

Im Juli 1995, nach mehrtägigem Beschuss, griffen die Tschetniks Srebrenica an.

Das Volk war sehr erschrocken und suchte Zufluch im UN-Camp in Potočari. Bei Vezionica wurde ich nach dem Beschuss von meiner Familie getrennt. Es kam zum Chaos, und die Menschen flohen in alle Richtungen. Ein Kind kam um, es gab aber auch viele Verwundete, über die man laufen musste. In diesem Gedränge fand ich eine Freundin. Sie war auch alleine und sehr verängstigt. Wir hängten uns an einen Lastwagen, in dem sich Verwundete befanden und kamen so nach Potočari. Die Verwundeten wurden in der Akkumulatorfabrik untergebracht. Auch wir gingen hinein, denkend, wir wären dort sicher. Später haben wir gesehen, dass es besser gewesen wäre, wenn wir zusammen mit dem Volk außerhalb der Fabrik geblieben wären. Wir wären so eher nach Tuzla gekommen und hätten nicht diese schrecklichen Dinge gesehen.

In der Fabrik verbrachten wir drei Tage und drei Nächte. Am zweiten Tag kam Ratko Mladić und gab einem Kind eine Schokolade. Nach 15 Minuten floh dieses Kind von der Mutter und rief dabei, sie wäre nicht seine Mutter.

Am gleichen Tag sammelten sie die Verwundeten und brachten sie weg, während wir mit vielen Männern in der Fabrik blieben. In der Nacht führten sie Männer aus der Fabrik, und sie kehrten nicht mehr zurück. In keiner dieser Nächte konnte ich schlafen. Um 3 Uhr früh erhängte sich ein Mann. Dies war eine schreckliche Szene. Das Volk wurde von Panik ergriffen. Eine Frau fing an zu schreien und versuchte, sich mit einem Messer die Kehle durchzuschneiden. Es trat so eine Panik auf, dass man nicht mehr wusste, was geschah.

Als es dämmerte, sagte ich zu meiner Freundin, ich würde Wasser holen gehen. Ich ging durch die Tür, durch die man die vorhergehende Nacht Männer abgeführt hatte. Ich ging hinter einen Lastwagen und sah dort 5-6 abgeschlachtete Männer ohne Köpfe. Den Kopf abwendend, drehte ich mich um und sah vier Tschetniks, wie sie saßen und tranken. Zwei Frauen kamen an ihnen vorbei, eine von ihnen war schwanger. Einer der Tschetniks fragte zornig, woher sie gekommen seien, und sie zeigten nur auf eine Flasche mit Wasser. Dann stand der zweite auf, fasste die Schwangere an den Haaren und schlitzte ihr mit einem Messer den Bauch, aus welchem er zwei Babys herausholte, auf. Ich habe gehört, wie sie es nur noch schaffte zu sagen: 'Mutter, rette mich.' Danach sagte sie kein Wort mehr.

Ich floh zurück zu der Fabrik, ohne Wasser geholt zu haben. Meine Freundin sagte mir, die Evakuierung wäre abgeschlossen und wir müssten dort nun als Gefangene bleiben. Ich entschied mich, diesen Ort zu verlassen. An der Tür waren Seile gespannt. Dort stand auch ein Soldat, der uns nicht gestattete, das Gebäude zu verlassen. Wir sprangen jedoch über die Seile und rannten zum Bus. Während ich rannte, merkte ich, dass ich auf die Hand eines abgeschlachteten Mannes getreten war. Auf der Straße befanden sich ein Bus und ein Lastwagen, um die nur wenige Leute standen. Unweit vom Bus entfernt zog mich jemand am Rücken und rief mich beim Namen. Vollkommen verängstigt drehte ich mich um und sah, dass es mein serbischer Nachbar war. Er fragte mich, wo meine übrige Familie wäre, und ich konnte nur die Achseln zucken, da ich nichts über sie wusste.

Er sagte mir, ich soll in den Bus und nicht in den Lastwagen steigen. Ein Tschetnik rief von der Seite, man soll uns in die Fabrik zurückbringen, mein Nachbar widmete ihm jedoch keine Aufmerksamkeit, sondern brachte uns zum Bus und sagte mir, ich soll den grünen Pullover ausziehen, da man mich der grünen Farbe wegen misshandeln könnte. Wir stiegen in den Bus und fuhren ab.

Meine Freundin war sehr verängstigt, so dass ich sie während der gesamten Fahrzeit ermutigen und zum Aushalten drängen musste. Nach dem Ort Kravica stiegen Tschetniks in den Bus ein und fragten nach einigen Leuten aus Potočari. Sie suchten nach Gold, Geld und Dokumenten, und wer dies hatte, gab es auch ab. Zwei Tschetniks brachten dann ein Mädchen, das ich nicht kannte, in den Bus. Sie war vollkommen nass und mit zerrissener Kleidung. Sie fiel im Bus auf den Boden. Als der Bus losfuhr, ging ich zu ihr und bot ihr an, sich hinzusetzen. Sie weinte und sagte: 'Bringt mich um! Ich wurde vergewaltigt!' Auch ich weinte aus Mitleid für dieses Mädchen. Eine Bekannte kam zu ihr und kümmerte sich bis zum Ende der Fahrt um sie.

Wir kamen bis nach Kladanj und gingen dann zum Flughafen Dubrave bei Tuzla. Nach zwei Tagen fanden wir auch unsere Familien."5

 

5.  N.N. - weiblich, geboren 1947 in Podžeplje, Gemeinde Han Pijesak. Lebte seit ihrer Heirat im Dorf Bajramovići, Gemeinde Srebrenica, bis zum Fall von Srebrenica.

 

"Am 11. Juli 1995 ging ich mit meinem Ehemann und drei Söhnen von 20 bis 24 Jahren aus dem Dorf Bajramovići in Richtung Tuzla über die Wälder. Als wir das Dorf  verließen, fing ein Granatenbeschuss an. Es gab viele Verwundete und Tote. Wir kamen im Dorf Kamenica an, wo uns Serben aus einem Hinterhalt aus angriffen. Es kam zu Panik. Wieder wurden wir mit Granaten und Giftgasen angegriffen. Dort wurden meine beiden Söhne verwundet. Der eine wurde in den linken Fuß getroffen. Mein Ehemann und ich verbanden seine Wunde. Der andere wurde im Bereich des linken Lungenflügels getroffen, so dass er nicht mehr laufen konnte. Auch ihn verbanden wir und gingen, ihn tragend, weiter. Den dritten Sohn haben wir während des Panikausbruchs aus den Augen verloren und ihn danach auch nicht mehr gesehen.

Kurz nachdem wir losgegangen waren, kam es wieder zu Panik. Durch einen neuen starken Beschuss gab es wieder viele Tote und Verwundete. Von Panik ergriffen wussten wir nicht mehr, was wir machen sollten. Dort blieben wir stehen. Es war auf einer Wiese in der Nähe des Dorfes Sandići. Mein Ehemann ging zum Teich, um Wasser zu holen, damit wir unseren Durst stillen und unsere verwundeten Söhne erfrischen können. Da es sehr viele durstige Verwundete gab, reichte das Wasser, was er mitgebracht hatte, nicht für alle, so dass er noch einmal zum Teich gehen musste. Er kam jedoch nicht mehr zurück. Meine Söhne konnten nicht laufen, so dass wir dort die Nacht verbringen mussten.

Am Morgen des 13.Juli  riefen uns die Tschetniks zum Ergeben auf. Da meine Kinder verwundet waren, hatte ich keine andere Wahl, als mich zu ergeben. Wir fassten irgendwie etwas Kraft und liefen runter auf eine Wiese in der Nähe der Asphaltstraße im Dorf Sandići und ergaben uns dort. Es gab dort in der Nähe ein kleines Häuschen. Da es draußen sehr warm war, ging ich mit meinen Söhnen hinein, ohne zu wissen, was mich da erwartet. Es gab dort noch viele unserer Leute, ich erkannte zum Beispiel die beiden Brüder Abid und Arif aus Kutlić, Hasib aus Rogatica und noch andere, deren Namen ich nicht kenne.

Während wir auf der Wiese in Sandići  warteten, wurden viele der Menschen, die sich ergeben hatten, von den Tschetniks abgesondert und in unbekannte Richtung abgeführt. Ein Mann versuchte zu fliehen, die Tschetniks erschossen ihn jedoch dabei.

In der Zwischenzeit kam ein Lastwagen mit Frauen und Kindern aus Potočari. Die Tschetniks hielten ihn an und befahlen uns, auch in diesen zu steigen. Ich kletterte mit meinen beiden verwundeten Söhnen auf den Lastwagen, der nach Tišća fuhr. Wir hofften, wir wären nun gerettet. Als wir in Tišća ankamen, führten die Tschetniks meine beiden Söhne ab. Als ich gesehen habe, wie sie sie abführen, bin ich in Ohnmacht gefallen, so dass ich nicht mehr gesehen habe, wohin sie sie gebracht haben. Als ich wieder zu mir kam, musste ich mit den anderen Frauen und Kindern zu Fuß in Richtung Kladanj gehen. Ich habe gehofft, dass zumindest mein Ehemann und Sohn Mirsad das freie Territorium und Tuzla erreichen werden. Mein Hoffen war jedoch vergebens. Bis heute konnte ich nichts über sie erfahren.

Heute lebe ich allein in Tuzla und hoffe noch immer, dass jemand von den vier vermissten Mitgliedern meiner Familie auftauchen wird."6

 

6.  N.N. - weiblich, geboren am 15.11.1951 in Srebrenica, war während des Krieges in Srebrenica

 

"Am 11.07.1995 um 14.30 Uhr kam ich mit meinem Ehemann in Potočari an. Im Kreis der Fabrik befanden sich schon Tausende von Menschen. Zwei Nächte verbrachte ich im Offenen.Ich habe auch Ratko Mladić gesehen, der am 12.07.1995 in die Basis kam. Er sonderte Männer von den Frauen ab. Die Mütter schrien und wollten ihre Söhne nicht weggeben. Mein Ehemann wurde am 13.07.1995 um 15.00 Uhr mit anderen Männern und sogar Kindern von 12 Jahren abgeführt.

Die gesamte Zeit des Krieges war ich in Srebrenica. Das Leben dort war außerordentlich hart. Es gab sehr viele Flüchtlinge. Um Srebrenica herum waren Panzer der Jugoslawischen Volksarmee aufgestellt, so dass wir täglich beschossen wurden. Neben der Jugoslawischen Volksarmee kamen auch viele andere paramilitärische Formationen wie 'Arkanovci', 'Šešeljevci', 'Wölfe von der Drina', 'Crvene beretke' nach Srebrenica. Am 01.07.1995 begann die serbische Offensive auf Srebrenica. Am 10.07. verließen alle Flüchtlinge, die in Srebrenica gelebt hatte, die Stadt und gingen in Richtung der Militärbasis in Potočari. Die autochthone  Bevölkerung Srebrenicas  blieb in der Stadt. Ich bin zusammen mit meinem Ehemann und meinem Sohn in unserem Haus geblieben. Wir haben gehofft, die NATO würde militärisch intervenieren. Am 11.Juli um 14.30 Uhr musste ich das Haus verlassen und bin mit meinem Ehemann in Richtung Potočari gegangen. Die Tschetniks waren schon in die Stadt einmarschiert. Der Kreis der Akkumulatorfabrik, in der die Militärbasis des holländischen Bataillons untergebracht war, war schon voller Menschen, die schrien, weinten und um Hilfe riefen. Zur gleichen Zeit wurde auf der Asphaltstrasse neben mir ein Kind zur Welt gebracht. Viele Menschen haben sich erhängt, die Mehrheit wurde aber seitens der Tschetniks abgeführt. Auch Mädchen wurden abgeführt und vergewaltigt."7

 

7.  N.N. - männlich, geboren am 11.04.1960 in Srebrenica, hat ein Massaker nach dem Fall von Srebrenica überlebt

 

"Ich lebte in Srebrenica, wo ich auch von Krieg überrascht wurde. Ich schloss mich sofort der Verteidigung der Stadt an. Bei der Armee Bosniens und Herzegowinas war ich bis zur Ankunft der UNPROFOR-Truppen 1993.  Dann wurde ich der Zivilen Verteidigung übergeben, wo ich bis zum Fall von Srebrenica im Juli 1995 tätig war. Gleich nach der Ankunft von UNPROFOR wurde ein großer Teil der Soldaten entwaffnet. Im Juli 1995 als die Serben Srebrenica angegriffen hatten und als Srebrenica als gefallen erklärt wurde, mussten wir mit unseren Familien die Häuser verlassen und in Richtung des freien Territoriums bzw. Tuzla  gehen. Die Strecke zwischen Srebrenica und Tuzla ist ca. 120-150 km lang, der Weg war aussschließlich über das serbisch-gehaltene feindliche Territorium.

Die gesamte wehrfähige Bevölkerung bekam den Befehl, über die Wälder zum freien Gebiet zu gehen. Frauen, Kinder und Ältere sollten in Richtung des Camps des holländischen Bataillons gehen, das in Potočari untergebracht war. Am 11. Juli um ca. 19.00 Uhr gingen die Männer von zu Hause in Richtung der Wälder los. Von unseren Familien haben wir uns auf einem Berg, genannt Brestova Ravan, getrennt. Dieser Abschied fiel uns sehr schwer.

Wir alle, die über die Wälder gehen wollten, versammelten uns bei einem Dorf, genannt Šušnjari. Nach meiner Schätzung waren dort 13.000 – 15.000 wehrfähige Männer versammelt. Es wurde befohlen, wir sollen die serbischen Hinterhalte auf Ravno Buljim während der Nacht passieren, so dass wir schon während der Nacht einen großen Teil der Strecke und sogar auch die Asphaltstraße in Konjević Polje hinter uns bringen sollten. Wir haben dies jedoch nicht geschafft. Wir waren erst beim Morgengrauen soweit, diese Barrikaden zu passieren. Das war am 12. Juli sehr früh am Morgen. Die Kolonne war sehr lang. Wir liefen einer hinter dem anderen, so dass die Kolonne  10-15 km lang war.

Den ganzen Tag (Mittwoch – 12.07.) stießen wir auf Hinterhalte. Gleich nach Buljim gab es bei einem Bach einen Hinterhalt, so dass dort viele Männer umgekommen sind. 

Ich sah, wie 30-40 Verwundete auf einen Berg, wo wir Rast gemacht haben, getragen wurden. Dieser Berg hieß Kameničko brdo. Dort gruppierten wir uns um und aßen ein wenig.

Es wurde abgemacht, dass wir mit der Dämmerung diesen Ort verlassen sollten. Auf einmal hörte man aber eine ganz starke Detonation. Ich erinnere mich daran, dass es von allen Seiten gedröhnt hat. Man wusste gar nicht, was und woher es schoss. In dieser Gruppe blieb ich sehr lange auf dem Boden neben einer Buche liegen. Als ich aufstand, sah ich, dass eine Masse von Menschen in diesem Wald tot und verwundet auf dem Boden lag. Einige von ihnen suchten nach Wasser, andere schrien vor Schmerzen, so dass dort ein allgemenes Chaos herrschte. Man konnte nicht einander helfen. Einige  beklagten sich darüber, dass Giftgase eingesetzt wurden und dass Wasser aus diesen Bächen getrunken worden war. Ich sah auch, dass eine große Zahl von Menschen Anzeichen von Verrücktheit zeigte. Dort traf ich auf meinen Bruder und meinen Cousin, der verwundet war und uns um Hilfe bat.  Wir leisteten ihm sofort Hilfe. Wir fingen wieder an, Verwundete auf eine Wiese zu bringen, um die Reise nach Tuzla fortsetzen zu können. Es gab aber kein Kommando mehr. Jeder tat das, was er für richtig hielt. Man lief praktisch über die Toten, so dass auch eine große Zahl von Verwundeten dort geblieben ist. Ich und mein Bruder haben es gerade geschafft, unseren Cousin auf die Wiese zu bringen, als schon wieder eine große Schießerei begann, so dass ich mich wieder von meinem Bruder trennen musste, von dem ich nie wieder etwas gehört habe. Ich trug meinen verwundeten Verwandten. Dabei traf ich auf einige Nachbarn, die mir beim Tragen halfen. Von ihnen habe ich seitdem auch nichts mehr gehört. Wir setzten die Reise mit den Verwundeten fort. Wir waren von der größeren Gruppe getrennt und kamen so bis zu einer Schule. Es war Nacht und wir kannten uns in der Gegend nicht aus. Diese Schule befand sich im Dorf Burnice. Von dort konnten wir nicht weiter, da sehr dichter Nebel aufkam und wir  die Verwundeten dort nicht liegen lassen konnten. Die Gruppen wurden immer kleiner. Am nächsten Morgen, den 13.07. wollten wir weitergehen, konnten es aber nicht, da wir von allen Seiten von Serben umzingelt waren. Sie riefen uns per Megaphon zu, wir wären  umzingelt und könnten nirgendswohin gehen. Es begann ein starker Beschuss. Sie fielen ins Gebäude ein und führten kleinere Gruppen der Verwundeten ab. Ich war auch in einer dieser Gruppen. Wir brachten die Verwundeten auf eine Straße. Dies war in Sandići. Sie fingen sofort an, uns zu malträtieren und zu ohrfeigen. Wir gaben ihnen alles, was wir hatten (Geld, Gold, Waffen und anderes).

Wir sahen einen weißen Transporter auf der Straße Kravice – Konjević Polje. Es war ein weißer UN-Transporter. Die Tschetniks trugen Anzüge der UNPROFOR-Soldaten und hatten Helme auf dem Kopf. Die Kolonne der Zivilisten und der Verwundeten machte sich auf den Weg zu Konjević Polje. Ein Fahrzeug fuhr neben der Kolonne. Die serbischen Soldaten sagten, dies wäre ihr Kommandeur, so dass wir anhalten und die Hände hinter dem Kopf verschränken mussten. Sie setzten das Misshandeln fort. Die Verwundeten, die wir tragen mussten, baten um Wasser, da es sehr warm war. Wir liefen eine Stunde lang bis Konjević Polje. Dort bekamen wir von einem serbischen Offizier den Befehl, die Verwundeten auf der Asphaltstraße liegen zu lassen und in ein Gebäude auf der rechten Seite hineinzugehen. Dies war das Handelszentrum in Bau in Konjević Polje. Dort bekamen wir auch Wasser in Eimern und mussten es trinken. Wir hielten uns dort nicht lange auf, da wir sofort den Befehl bekamen, in die Lastwagen zu steigen.

Ich sah drei neben dem Gebäude geparkte Lastwagen. Sie standen in Richtung Nova Kasaba. Man lud uns wie Vieh in die Lastwagen, schlug uns und fluchte dabei. Die Lastwagen waren groß und mit Planen überdeckt. Alle Verwundeten, die wir getragen hatten, blieben seitlich der Straße liegen. Ich hörte einen Tschetnik-Offizier sagen, dass sie ab jetzt die Versorgung der Verwundeten übernehmen würden. Als die Lastwagen voll waren, fuhren sie in Richtung Nova Kasaba ab. Wir kamen bis zum Sportplatz beim Cafe Džuguma in Nova Kasaba. Die Lastwagen hielten dort an, und die Tschetniks fingen an zu rufen und zu schreien, wir sollen rauskommen. Dort mussten wir alle Taschen und Rucksäcke, in denen sich Nahrung befand, auf einen großen Haufen von Taschen werfen. Wir wurden von anderen serbischen Soldaten am Eingangstor des Sportplatzes empfangen. Ich sah dort am Eingang einen Serben aus Podravanja, Gemeinde Srebrenica. Eine P.M. in den Händen haltend und sie auf uns richtend, empfing er uns.  Ich traute mich nicht, ihn anzusprechen.  Der Sportplatz war voller gefangener Männer aus Srebrenica, die dort saßen und die Hände hinter dem Kopf verschränkt hielten. Wir aus dem Lastwagen, in dem ich gefahren bin, und den anderen Lastwagen bildeten eine neue Reihe und setzten uns hin.  Wir waren von serbischen Soldaten umzingelt, die auf uns Waffen gerichtet hielten. Bald kam ein grau- maslinfarbener Transporter und hielt neben dem Sportplatz an. Ein Mann in einem Armeehemd mit Rangabzeichen kam heraus und wandte sich an uns.  Es war ein großer Mann mit einem roten Gesicht, frisch rasiert, mit starkem Knochenbau. Er fragte uns, ob wir ihn kennen würden. Dann stellte er sich uns selbst vor und sagte, er wäre  Ratko Mladić, General der serbischen Armee. Er fragte sofort: 'Wo ist euer Kommandeur Naser Orić? Seht ihr nicht, dass man euch verlassen hat? Warum lässt ihr euch töten, ergebt euch unseren Soldaten. Alle verden ausgetauscht werden. Wir werden euch in die Krajina  Fikret Abdić geben oder nach Batkovići ins Lager bringen? Eure in Tuzla wollen euch nicht.'

Dann fing er an, uns zu beleidigen und zu fluchen. 'Balije, ihr stirbt. Ihr habt keinen Staat, wofür kämpft ihr?' Dies geschah alles noch am 13.07. gegen 19.00 Uhr abends.

Dann hörte ich Mladić sagen: 'Jetzt werden Euch unsere Soldaten übernehmen und werden Euch unterbringen, so dass ihr Euch ausruhen könnt. Ihr werdet Wasser und Nahrung bekommen.'

Wir mussten wieder auf die Lastwagen steigen. Unsere Taschen konnten wir jedoch nicht mitnehmen. Wir sahen,  wie Lastwagen mit Frauen und Kindern in Richtung Milići fuhren. Wir setzten uns wieder in die Lastwagen, einer dem anderen in den Schoß. In meinem Lastwagen waren 120 Menschen. Die Lastwagen fuhren wieder zurück von Konjević Polje nach Bratunac. Wir hielten in Kravica vor dem Einkaufsladen seitens der Straße an.

Ich saß am Ende des Lastwagens, so dass ich durch einen Spalt der Plane am Lastwagen auch nach draußen sehen konnte. Ich sah dort noch zwei andere Lastwagen neben unserem stehen. Dort wurden wir wieder von Tschetniks empfangen. Sofort fingen sie an,  Namen bestimmter Männer, Mitglieder bestimmter Familien oder Einwohner bestimmter Orte/Siedlungen  aufzurufen, so z.B. die Familie Orić und andere. Es wurde langsam dunkel.

Ich sah wieder einige Serben, die ich gut kannte. Sie suchten nach bestimmten Moslems.

Ich sah, dass sie vom Lastwagen, in dem ich mich befand, schon 5 Männer geholt hatten, und  wie sie sie zuerst schlugen und dann erschossen. Die Menschen baten um Wasser, aber niemand kümmerte sich darum. Ich sah mit meinen eigenen Augen, wie Männer ihren eigenen Urin tranken. Einem Nachbar von mir stießen sie ein Pistolengewehrlauf in den Mund, um ihn zu erschießen.

Die Nacht vom 13. auf den 14. 07. verbrachten wir in den Lastwagen auf der Straße. Die ganze Nacht durch hörte man Schreie und Jammerlaute von Menschen, die sie abgeführt, getötet und sich an ihnen ausgelassen hatten.

Am Morgen des 14.07. brachten sie uns Wasser in Eimern, welches wir wieder trinken mussten. Dieses Wasser war weiß, ich denke es war vergiftet. Von diesem Wasser wurde einem der Mund noch viel trockener. Ich sah, dass einige Menschen plötzlich Anzeichen von Verrücktheit zeigten. Die Planen waren noch immer fest gespannt, die Sonne brannte stark auf diese. Volle 24 Stunden konnte sich niemand in den Lastwagen rühren. Am Nachmittag des 14. 07. sagten sie uns, dass wir in das Lager Batkovići gebracht werden sollen. Die Lastwagen fuhren in Richtung Zvornik los. Die Laster fuhren einer nach dem anderen. Bei jedem Lastwagen standen vorne jeweils zwei Serben und richteten Waffen auf den vor ihnen fahrenden Lastwagen; falls jemand herausspringen würde, würden sie sofort auf ihn schießen.

Ich kannte mich gut aus in dieser Gegend und sah, dass wir in Zvornik angekommen waren. Dort wurden wir von serbischen Frauen und Kindern erwartet, die uns mit Steinen und Flaschen bewarfen.

Von dort setzten wir unsere Reise  nach Karakaj fort, wo sich die Fabrik Glinice befand. Wir fuhren aber an der Fabrik vorbei und bogen links ab. Die Straße war dort noch asphaltiert. Wir fuhren nicht lange und kamen bei einer Schule an. Dort entstand sofort Panik, man hörte Geschrei. Die Tschetniks fingen an, auf uns zu schießen. Als ich vom Lastwagen stieg, sah ich auf der rechten Seite Garagen mit Türen aus Blech. Wir mussten in einer Reihe neben den serbischen Soldaten laufen, und sie schlugen auf jeden Vorübergehenden ein. Nach ihrem Befehl mussten wir singen: 'Srebrenica gehört den Serben', 'Hoch lebe der serbische Staat' und andere serbische Lieder. Die Hände mussten wir verschränkt hinter dem Kopf halten. Als ich die Schule betrat, sah ich eine Tafel, auf der stand: Grundschule Petkovci.

Wir mussten in den ersten Stockwerk. Die Klassenräume waren voller gefangener Männer aus Srebrenica. Ich ging in den Klassenraum Nr. 3 im ersten Stockwerk. Alle drei Klassenräume waren voll. Als ich hineinging, sah ich zwei zusammengeschlagene Männer auf dem Boden liegen. Sie waren blutüberströmt und gaben keine Lebenszeichen von sich.

In den Klassenräumen waren die Fenster geschlossen, wir saßen einer neben dem anderen auf den Fliesen. Es gab keine Tische und Stühle. Nur die Tafel stand noch. Dort wurden wir wieder befragt und malträtiert. Sie forderten Geld von uns und sagten uns,  alle, die ihnen kein Geld geben, werden abgeschlachtet. Die ganze Nacht hörte man draußen Schüsse. Wir konnten nicht heraus. Die Menschen suchten nach Wasser, sie gaben uns jedoch keines. Viele wurden gefoltert und gequält. Die Männer mussten schon wieder ihren eigenen Urin trinken. Dies geschah alles noch spät in der Nacht des 14.07.

Dann befahlen sie uns, immer zu viert den Raum zu verlassen. Männer gingen  und kamen nicht zurück. Mein Nachbar Salih Mehmedović, der um Wasser bat, kam nicht mehr zurück. Ich hörte nur einen Schuss.

Ich selbst fühlte Übelkeit und rückte näher ans Fenster, um mehr Luft zu bekommen. Es war sehr heiß und stickig. Dort habe ich dann wahrscheinlich auch das Bewusstsein verloren. Als ich das Bewusstsein wieder erlangte, sah ich, dass im Raum, in dem anfänglich sicher 200 Menschen waren, es nur noch ca. 20 Männer gab. Ich sah dann auch den vorher erwähnten zusammengeschlagenen Mann. Es war ein Verwandter von mir. Sein Name war Ademović Munib. Er hatte sich schon ein wenig erholt, er war aber noch immer blutüberströmt.

Ich kam auch sofort an die Reihe und musste hinaus, da man uns aufgerufen hatte. Ich ging zusammen mit Bećirević Kadrija hinaus. Auf dem Flur standen vier fluchende Tschetniks, die uns sofort befahlen, den Oberkörper freizumachen. Ich entkleidete mich und legte meine Dokumente auf einen Haufen ab. Darunter waren mein Diplom, mein Führerschein, meine Krankenversicherungskarte und andere Dokumente. Die Kleidungsstücke mussten wir auf eine anderen Haufen legen. Die Taschen der Hosen mussten nach außen gestülpt werden. Schuhe und Socken mussten wir auch ausziehen. Sie fesselten uns die Hände auf dem Rücken und schlugen uns wieder. Dann brachten sie uns in einen anderen, dunklen Raum. Dort erkannte ich sehr viele Nachbarn, die ich gut kannte. Dies waren Pilav Zaim, sein Sohn – Pilav Azem, Omić Ševko, Krdžić Sead, Ademović Šaban, Gabeljić Šećan, Fejzić Ramo, Tursunović Fahrudin, Bektić Mehmedalija, Krlić Safet und viele andere, die nie wieder irgendwo erschienen sind.  Sie hielten uns dort eine gewisse Zeit so gefesselt.  Später im Laufe der Nacht mussten wir dann, so gefesselt, nackt und barfuß wieder in die Lastwagen steigen. Wir mussten rennend die Treppen runterlaufen und den Flur passieren, wo ich dann auch sehr viele tote Männer und Blut auf den Fluren sah.

Die Lastwagen standen am Treppenansatz der Schule. Man fing an, uns am Rücken zu schlagen. Sie schossen uns auf die Füße, so dass es sehr viele Verletzte  gab. Sie sagten auch, dass uns Silajdžić  auch tot und verletzt haben will. Bestimmt dachten sie an einen Austausch von Leichen. Bećirević Kadrija wurde dort auch verletzt. Der Lastwagen fuhr wieder los. Wir standen im Lastwagen mit gefesselten Händen. Dieser war übervoll, so dass es bebte und schüttelte, während wir haltsuchend einer auf den anderen fielen. Als wir  anhielten, sah ich, dass das Gelände beleuchtet war. Man befahl uns, vom Lastwagen zu steigen. Ich sah dort eine Masse von Menschen tot auf einem Feld liegen. Sie gaben uns  den Befehl, uns auf den Boden fallen zu lassen. Ich sah ein Dutzend Männer mit Strümpfen über dem Kopf und automatischen Gewehren in den Händen. Ich kann mich nur noch daran erinnern, dass es anfing zu dröhnen - ich weiß gar nicht, woher die Schüsse kamen. Ich fiel zwischen die schon Getöteten, während andere wieder über mich fielen. Schießpulver und Kies brannten auf meinen Füßen. Vollkommen bewusst, was geschehen wird, zog ich mich tiefer unter die Toten. Auf einmal fühle ich etwas Warmes mein Gesicht hinunterlaufen. Ich wusste, ich war verwundet, trotzdem versuchte ich aber auch weiterhin, mich zu retten. Um mich herum hörte ich  Menschen röcheln und jammern. Auf einmal hörte das Schießen auf, dann ein neuer Befehl und wieder Schüsse und Schnellfeuer. Ich weiß nicht, wie lange das so ging, da ich auch selbst das Bewusstsein verlor. Als ich wieder zu mir kam, hörte ich, wie wieder Namen aufgerufen werden. Ich hörte jemanden rufen: 'Schieß, kurzes Schnellfeuer in den Kopf.  Du solltest ihn dir mal anschauen, wie schrecklich doch sein Skelett aussieht!'  Er fluchte.

Dann kam er auf mich zu, trat mit dem Fuß gegen meinen Kopf und sagte: 'Dieser ist tot.'  Dort verlor ich wieder das Bewusstsein.

Ich weiß nicht, wie lange ich dort so gelegen habe. Ich zuckte einmal zusammen und kam zu Bewusstsein. Ich fühlte zuerst Schmerz in den Armen. Meine Hände waren gefesselt, so dass der Draht sich in die Haut eingeschnitten und dort  Wunden gebildet hatte. Ich erinnerte mich sofort an meine Familie und versuchte aufzustehen. Dies konnte ich jedoch nicht, da auf mir und um mich viele Männer lagen. Man hörte die Menschen gurgeln. Beim Versuch aufzustehen, hörte ich jemanden rufen: 'Mein Freund, warte noch ein bisschen, ich lebe auch noch.'  Die Tschetniks haben nicht mehr geschossen.  Da es beinahe schon dämmerte, dachten sie, dass sie alle getötet hatten. Sie sind so auseinandergegangen und haben uns da liegen lassen, da sie betrunken waren und unter dem Einfluss von Drogen standen. Sie warteten darauf, dass ein Traktor kommt, um die Körper einzusammeln.

Als ich die rufende Stimme hörte, wurde es mir etwas leichter ums Herz. Ich rief ihm zu, dass er, wenn er kann, zu mir kommen sollte. Der Junge kroch auch an mich heran. Dieses Plateau war stark beleuchtet. Ich bat ihn darum, mich zu entfesseln. Aber auch seine Hände waren mit Draht gefesselt. Ich schaffte es zuerst, ihm die Hände zu befreien. Er konnte meine Hände aber nicht befreien, da sie mit zwei Eisendrähten gefesselt worden waren. Wir sahen in dem Momemt  Lichter von Maschinen, die mit dem Einsammeln von Leichen begonnen hatten. Ich hörte den Traktor und das Summen der Maschinen und bat diesen Jungen sofort, mich hochzuheben, damit wir fliehen konnten. Wir schritten über Leichen. Es gab auch noch andere noch Überlebende. Sie waren aber alle schwer verletzt. Wir schafften es, so barfuß, nackt und mit gefesselten Händen einen anliegenden Wald zu erreichen. Als wir tiefer in den Wald vordrangen, stießen wir auf eine tiefausgegrabene Grube, die voll von rotem Schlamm war. Wir fanden zwei Steine. Ich sagte diesem Jungen, er soll Stein an Stein schlagen, um so den Eisendraht, der meine Hände verband, durchzutrennen. Er tat dies auch sofort. Als er meine Hände befreit hatte, machten wir uns bekannt. Er fing sofort an, mich zu küssen und sagte mir, er wäre aus Vlasenica. Bis dahin kannten wir uns nicht. In diesem Kanal erfrischten wir uns ein wenig und tranken von diesem trüben und schmutzigen Wasser. Wir blieben dort, bis es hell wurde, da wir die Gegend nämlich  absolut nicht  kannten und nicht wussten, wo wir uns befinden. Wir hörten wieder Schüsse und das Summen der Maschinen. Als es hell geworden war, versuchten wir, von dort wegzukommen. Wir sahen sofort Maschinen und das Aufladen von Leichen auf einen Traktor, der bald wieder leer zurückkam. Wir konnten nicht sofort sehen, wohin sie die Leichen bringen. Die Maschine war gelb, es war eine Bergarbeitermaschine ULT-160.  Der Traktor hatte einen Anhänger und war rot.

Auf den Traktor wurden sofort 15-20 Körper geladen. Wir sahen später, wie sie in den Staudamm für Abwässer der Fabrik Glinice in Petkovci geworfen wurden.

Wir schafften es, von dort wegzukommen und kamen zu einem niedergebrannten und verlassenen Dorf. Dort erfrischten wir uns ein wenig und fanden etwas Nahrung und Obst.

Drei Tage nach diesem Massaker schafften wir es, bis zu den Dörfern in der Umgebung von Zvornik zu kommen. Nackt und barfuß kamen wir in Sapna an. Wir mussten wieder Hinterhalte der Tschetniks passieren, die längs des Flusses Sapna aufgestellt waren. Unser freies Territorium erreichten wir am 18.07.1995."8  

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Fünf Jahre danach

 

Fünf Jahre nach dem Fall von Srebrenica sind die Frauen aus Srebrenica noch immer die größten Opfer. Über 20.000 leben verteilt über die ganze Föderation von Bosnien und Herzegowina. Die größte Zahl von ihnen lebt im Tuzla-Kanton (6.000), Tinja (1.000), Sižje (2.000), Živinice (2.000), Kladanj (1.000), Mihatovići (1.000), Banovići (2.000), dann im Kanton Zenica (3.000), Vozuća (4.000), Kanton Sarajevo (1.000), Vogošća (7.000), Ilijaš (2.000), Nedžarići (500).

Sie leben in Kollektivzentren, Privathäusern oder verlassenen serbischen Wohnungen. Sehr oft leben in einem Zimmer bis zu elf Personen. Es ist schrecklich, diese Masse an Frauen anzuschauen, die ohne ihre männlichen Familienmitglieder, ihre Söhne, Ehemänner, Brüder leben.

Seit fünf Jahren schon suchen sie nach der Wahrheit über ihre Liebsten. Sie haben mit eigenen Augen gesehen, wie diese aus Potočari abgeführt wurden. Und das, was sie zuletzt gesehen haben - ihre lebendigen Söhne, Ehemänner und Brüder - hat sich in ihrer Erinnerung als ein Funken von Hoffnung, dass es trotzdem Überlebende gibt, festgesetzt. Dieses Festhalten an der Hoffnung ohne jegliche Grundlage war auch eine Charakteristik für Juden, die den Holocaust überlebt haben, was den Prozess der Erkenntnis, was wirklich geschehen ist, noch komplizierter macht. Die Weiterleitung von Informationen an Überlebende ist in solchen Umständen ebenfalls delikat. Die Frauen haben jedoch trotzdem ein Recht auf Wahrheit.

Wenn ihre Liebsten getötet wurden, dann wollen sie Beweise dafür sehen. Jenes, was das Internationale Rote Kreuz ausgibt - Totenscheine, die die Frauen unterzeichnen sollen, sind keine Beweise. Sie lehnen dies mit Grund ab; sie suchen  Beweise für diese Totenscheine, genauer gesagt, sie suchen die Leichen der Männer, um sie begraben zu können.

Ein freier Zutritt zu den Massengräbern und ihre Öffnung ist der einzige Weg zu der Wahrheit über das Schicksal der Vermissten. Es ist unzulässig, dass das  Internationale Rote Kreuz erst 1,5 Jahre  nach dem Fall der Schutzzone Srebrenica eine Arbeitsgruppe für das Suchen nach Vermissten gegründet hat. Es wurde sehr viel Zeit verloren, und man hat nur sehr wenig in der Auflichtung der Wahrheit über das Schicksal der Vermissten erreicht.

Bis jetzt wurden 5.350 Leichenüberreste exhumiert. Sie befinden sich in Plastiksäcken  in einem Tunnel in Tuzla und im Komemorativzentrum in Visoko. Der Identifikationsprozess läuft sehr langsam ab und ist sehr teuer. Das amerikanische Team der Ärzte für Menschenrechte hat mehr als ein Jahr am Prozes der Identifikation gearbeitet, 1.200.000 Dollar ausgegeben, identifiziert wurden jedoch nur 52 Opfer. Die Internationale Kommission für das Suchen nach Vermissten angeführt von Bob Dole, dem ehemaligen US-Senator, hat ein neues Team für die Identifikation und DNA Analyse gegründet. Es wurden 4.000.000 Dollar für die Gründung und die Ausstattung eines Instituts und Labors in Sarajevo und Tuzla  gespendet, so dass die DNA-Analyse im Land verrichtet werden kann. Dies alles läuft jedoch sehr langsam ab, viele Frauen sind schon gestorben, so dass man sich die Frage stellen muss, wem die Resultate der DNA-Analyse übermittelt werden können.

Obwohl die Frauen aus Srebrenica beständig nach der Wahrheit über ihre Liebsten suchen, erleben sie oftmals einen Schock, wenn sie diese dann letzendlich erfahren. So war es auch mit Kada Hotić, die den Schrecken von Srebrenica und Potočari überlebt hat. Es war für sie nicht einfach, als ICMP-Vertreter an ihre Tür klopften und sie baten, mit ihnen nach Visoko in das Kommemorativzentrum wegen einer Identifikation zu kommen. Dies sagte sie uns gegenüber:

"Ich begann zu zittern. Ich hatte noch eine kleine Hoffnung, dass mein Ehemann und Sohn noch leben. Ich weiß nicht, was ich erzählt habe, Worte ohne Zusammenhang. Sie sagten mir, sie hätten einen Teil des Trainingsanzugs meines Ehemannes gefunden. Ich fragte sie, ob zumindest ein Knochen im Trainingsanzug geblieben war. Wir setzten uns ins Auto und fuhren Richtung Visoko los. Derr Schüttelfrost wollte nicht aufhören. Meine Hände zitterten so sehr, dass ich sie mit meiner Tasche überdecken musste. Ich erinnerte mich daran, was ich überlebt hatte:

'Wir haben schlimme Leiden überlebt. Welch ein Kampf für die Existenz und Überleben dies war, kann man vielleicht am besten durch die Tatsache zeigen, dass ich siebenmal  zu Fuß nach Voljavica und andere Dörfer ging, um Nahrung zu suchen. Ich lief zwei Tage lang, um ca. 20 kg Maismehl nach Hause zu bringen - von der ständigen Gefahr von Granaten und Bomben gar nicht zu sprechen.

Am 11. Juli 1995 gegen Mittag war ich zusammen mit meinem Ehemann, Bruder und seiner Ehefrau und Kindern in der Wohnung in Baratova. Mein Sohn stürmte in die Wohnung und fragte uns: - Worauf wartet ihr denn? Sie kommen schon den Berg in die Stadt runter. Wollt ihr, dass man euch abschlachtet?

Als wir auf die Straße liefen, fiel eine Granate in unserer Nähe. Wir mussten uns zuerst verstecken, dann gingen wir aber weiter in Richtung Potočari. Bei der Tankstelle trennten sich die Männer, die über die Wälder gehen wollten, von uns. In diesem ganzen Chaos vergaß ich, mich von meinem Sohn zu verabschieden. Ich wandte mich um und sah, wie er sich entfernte. Ich schaffte es noch, ihm zuzurufen:  - Viel Glück, mein Sohn!

Er wandte sich um und winkte mir nur mit der Hand zu. Sein Profil und der erhobene Arm ist das einzige Bild, mit dem ich heute noch lebe.

Wir beeilten uns in Richtung Vezionica und UN-Camp. Dort gestattete man uns jedoch nicht, in den Kreis der UN vorzudringen, so dass die Volksmasse gewaltsam  die Zäune durchbrach und so eindrang. Die UN-Soldaten fingen an, sich in Panik nach Potočari zurückzuziehen. Das Volk hängte sich an die Lastwagen. Drei Granaten fielen auf und um die Basis. Ich merkte, wie UN-Flugzeuge über Srebrenica flogen. In einem Moment war ich erleichtert, da ich dachte, dass wir zumindest lebendig Potočari erreichen werden.

In Potočari war ich mit der Familie im Kreis der Zinkfabrik. Wir konnten nicht einschlafen, da ständig Granaten in unserer Nähe fielen. Am Morgen gegen 9 Uhr benachrichtigten uns die Übersetzer, dass sich serbische Soldaten unter uns mischen werden und dass wir keine Angst haben sollen, da sie nur nach Informationen suchen würden. Wir saßen in einer Gruppe, mein Ehemann Sead, mein Bruder, seine Frau, ihre beiden Töchter und ich, und schwiegen. Wir hatten keine Kraft für ein Gespräch. Jeder war allein mit seinen Gedanken und seiner Angst. Ich fühlte weder Hunger, Durst noch Hitze. Ich hatte keine Hoffnung, dass ich überleben würde, ich hatte aber auch keinen Willen zum Überleben. Die einzige Erleichterung war, als jemand die Nachricht verbreitete, dass die Männer, die über die Wälder gegangen waren, sicher das freie Territorium erreicht hätten. Viel später sollte ich erfahren, dass dies eine Lüge war.

Gegen 11 Uhr fingen die Tschetniks an, zwischen uns spazierenzugehen. Ein Nachbar (der ältere Sohn von Gargija) erkannte mich und fragte, ob auch ich ihn erkennen würde. Ich sagte, dass viel Zeit vergangen sei und dass er gewachsen wäre. Ein anderer fragte mich ebenfalls, ob ich ihn kennen würde und sagte mir dann, er wäre der Sohn von Srećko aus Soločuša. Sie fragten mich, wo mein Ehemann und mein Sohn seien. Ich antwortete, dass mein Ehemann dort sei, dass ich aber über den Sohn nichts wisse. Sie waren über alles gut unterrichtet, sie provozierten uns damit nur. Zum Schluss sagten sie mir, ich soll mir keine Sorgen machen, da ich das freie Territorium erreichen würde.

Gegen 17 Uhr des gleichen Tages führten die Tschetniks meinen Bruder Ekrem ab. Er kam bald zurück, um seine Jacke zu holen und sagte uns, wir sollen ihn nichts fragen. Er ging, ohne sich umzuschauen. Wir haben uns nicht einmal verabschiedet. Seine Tochter weinte die ganze Zeit über. Wir trösteten sie, aber auch wir konnten mit dem Weinen nicht aufhören. In der zweiten Nacht engten sie den Kreis ein, so dass wir uns  aneinander drängen mussten. Auch heute, wenn ich mich an diese Nacht erinnere, überkommen mich Angst und Bangen. Ich sah UN-Soldaten, wie sie unter uns hin und her spazieren.  Ich fühlte eine Erleichterung, denkend, dass sie auf uns aufpassen würden. Müdigkeit überkam mich, so dass ich in einer Art Halbschlaf war. Dann hörte ich auf einmal Schreie. Ich riss mich hoch. Überall um mich herum war Geschrei. Ich versuchte, einige Frauen zu beruhigen, denkend, dass die Schreie von einer Kassette stammen.

Das Geschrei legte sich ein wenig, dann hörte man aber die Hilferufe einer Frau:           - Leute, die UNPROFOR-Soldaten schlachten unsere Kinder ab. Sie haben gerade mein Kind getötet!

Ich habe gedacht, diese Frau hätte einen Nervenzusammenbruch erlitten. Man hat leider wirklich ihren 13jährigen Sohn abgeschlachtet, dies waren nur keine UNPROFOR-Soldaten sondern Tschetniks in UN-Uniformen. Das haben wir am nächsten Morgen auch erfahren. Die Jammerlaute und Schreie wiederholten sich in dieser Nacht mehrmals. Die Tschetniks führten Mädchen, jüngere Frauen und Knaben ab. Geflüstert überbrachten wir einander, was geschieht.

Am frühen Morgen des 13.Juli weckte ich meinen Mann auf und wir gingen in Richtung der geparkten Fahrzeuge, die die Tschetniks für den Transport bestimmt hatten. Ich sagte, dass ich so eine Nacht nicht noch einmal überleben könnte. Wir konnten bis zur Rampe am Ausgang durchdringen. Als wir die Rampe überschritten, fühlte ich, als ob ich neuen Willen und Hoffnung für das Leben erhalten hätte. Ich dachte, wir wären gerettet. Mein Ehemann, die Töchter meines Bruders, seine Ehefrau und ich liefen in Richtung der Busse los. Drei bis vier Busse bei der Rampe waren jedoch geschlossen. Aus einem der Busse rief uns der Fahrer. Wir gingen mit schnellen Schritten in diese Richtung, eine Gruppe von Tschetniks in schwarzen Anzügen hielt jedoch meinen Ehemann an. Einer von ihnen stieß ihn mit seinem Gewehr zur Seite, und mein Ehemann lief mit schnellen Schritten in einem Schockzustand auf die andere Seite. Er wandte sich nicht einmal um. Ohne Wort schaute ich ihm hinterher. Er ging zu der Gruppe der Männer, die auf der Wiese neben der Akkumulatorfabrik  versammelt waren.

Dieses Ereignis brachte mich wieder auf den Abgrund. Ich verlor jedes Gefühl für Raum und Zeit. Erst als der Busfahrer zuerst die Musik ein- und dann ausschaltete, fing mein Gehirn wieder an zu arbeiten.

In  Kravica sah ich Kolonnen von Gefangenen zu beiden Seiten der Straße. Bei Konjević Polje sah ich auf der Wiese auf der rechten Seite der Straße Gefangene auf Knien und mit  hinter dem Kopf verschränkten Armen. Ich habe mich sogar nicht getraut, dahin zu schauen, aus Angst, ich könnte unter diesen Männern meinen Sohn oder Bruder Mustafa sehen, den ich beim Abschied nicht einmal gesehen hatte. Insgeheim hoffte ich jedoch, dass die Männer vielleicht zum Schluss aus Potočari evakuiert werden würden.

Als ich nach Tuzla kam, habe ich dort niemanden von meinen Angehörigen angetroffen. Ich habe Krankenhäuser besucht, mich an verschiedenen Orten erkundigt, ich bekam aber über niemanden von ihnen eine Information. Die Hoffnung habe ich nicht verloren und warte noch immer auf sie, denn es kann nicht wahr sein, dass mir der Krieg meinen Sohn, Ehemann und zwei Brüder genommen hat. Manchmal werde ich von Panik ergriffen, dass ich auch über sie nichts erfahren werde, wie ich auch über meinen Vater, der seit April 1945 und dem Zweiten Weltkrieg vermisst wird, nie etwas erfahren habe.'

 

Ich überlebte wieder die letzten Stunden unserer Tragödie. Mein Ehemann war im Haus in seinem Trainingsanzug. Als die Tschetniks von allen Seiten die Stadt betreten hatten, mussten wir in aller Eile das Haus verlassen. Mein Ehemann zog seine neuen Schuhe an. Ich sagte ihm, er soll nicht die neuen anziehen, worauf er erwiderte:  'Du siehst, es ist Krieg. Wer weiß, ob ich jemals wieder solche Schuhe werde kaufen können.'"

Kada hat ihren Ehemann an diesen Schuhen und dem Trainingsanzug erkannt.9

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Rückkehr

 

Die erste Reise der Vertriebenen aus Srebrenica in einen 10 km entfernten Ort von Srebrenica war im September 1998 während der zweiten Wahlen. Sie fuhren dorthin in zwei Bussen in Polizei- und SFOR-Begleitung, um dort in einem unbesiedelten Ort zu wählen, und fuhren sofort danach zurück. Bei diesen Wahlen erzielte die Koalition für ein einheitliches und demokratisches Bosnien und Herzegowina die meisten Stimmen, die Wahlresultate wurden jedoch erst zwei Jahre später implementiert. Nach 21 Monaten Verhandlungen am grünen Tisch wurde die Bezirksregierung Srebrenicas gegründet. Ein Bosniake wurde zum Bürgermeister ernannt, und die bosniakischen Vertreter begannen mit ihrer Arbeit in der Gemeindeversammlung. Schon wenige Tage später erfolgte ein Angriff auf den Sekretär der Gemeindeversammlung Munib Hasanović. Bis heute weiß man nicht, wer der Angreifer war, da die Ermittlungen in diesem Fall nur sehr langsam voranschreiten.

Heute leben der Präsident der Gemeinde Srebrenica Nesib Mandžić, der Sekretär Munib Hasanović und das Ausschussmitglied Abdurahman Malkić in Srebrenica in einem Haus, welches speziell für sie wiederaufgebaut wurde.

Am 01. Mai wurde dieses Haus ausgeraubt. Die bosniakischen Parlamentsabge-ordneten waren über die Feiertage beim Besuch ihrer Familien, so dass das Haus leer stand. Die lokale Polizei war verpflichtet, das Haus ständig zu bewachen. Das Verhalten der Polizisten, die das Haus an diesem Wochenende bewachen sollten, wird überprüft.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                          

Am 10.Mai 2000 wollten 180 Frauen aus Srebrenica, Bratunac, Žepa, Zvornik und anderen Orten des Drina-Tals die Stadt Bratunac besuchen und Blumen auf den städtischen Sportplatz als Zeichen der Erinnerung an den 10.Mai 2000 legen, als nach Befehl der Karadžić-Partei SDS mehrere Tausend Personen auf diesen Sportplatz deportiert und anschließend ein großer Teil von ihnen im Grundschulgebäude "Vuk Karadžić" getötet wurde.  Auf dem gleichen Sportplatz  wurden im Juli 1995 nach dem Fall von Srebrenica und der Selektion der Männer im Alter von 12 bis 70 Jahren mehrere Tausend dieser Gefangenen exekutiert. Die Blumen waren auch diesen Opfern gewidmet. Dieser Versuch der Frauen, an den fünften Jahrestag dieses schrecklichen Massakers zu erinnern, endete in einem Angriff auf die Busse, in denen sich die Frauen befanden: 2000 lokale Serben bewaffnet mit Steinen und Eisenstangen verboten den Frauen, aus den Bussen auszusteigen. Viele Frauen wurden bei diesem Angriff verletzt.

Es ist schrecklich, dass sich alles vor den Augen der SFOR und des IPTF abspielte, die ihr Mandat der Gewährung der Bewegungsfreihet wie auch eines effektvollen Schutzes für die Frauen nicht erfüllt haben, sondern alles den lokalen Politikern, denen es nicht an der Rückkehr liegt, überlassen wurde.

Dieser Vorfall hat die Frauen dazu bewegt, eine Protestaktion vor der SFOR-Basis in Tuzla zu organsieren, wobei sie einen effektiveren Schutz für die Rückkehrer und die Errichtung einer SFOR-Basis im Drina-Tal - Gebiet forderten. Der SFOR-Pressesprecher, Yvon Jeradin ließ nach dieser Protestaktion verlautbaren, dass das Drina-Tal - Gebiet sicher wäre, da ihre Soldaten regelmäßig dort patrouillieren würden und dass er keinen Grund für die Errichtung einer SFOR-Basis dort sieht. Nur einen Tag nach dieser Aussage wurden in Srebrenica drei Häuser angezündet, in die in diesen Tagen die ehemaligen bosniakischen Einwohner zurückkehren sollten.  

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Die ersten Reisen nach Srebrenica

 

Heute gibt es eine von der SFOR instandgesetzte regelmäßige Buslinie von Sarajevo nach Srebrenica und umgekehrt an jedem Dienstag und Donnerstag. Viele Vertriebene aus Srebrenica, besonders Frauen, nutzen diese Möglichkeit und fahren nach Srebrenica, um dort persönliche Dokumente in der Gemeinde Srebrenica zu beantragen und auch ihre Häuser, in denen nun Serben aus Ilijaš, Donji Vakuf und Bugojno oder ehemalige Nachbarn leben, zu besuchen. Diese Frauen suchen meistens nach persönlichen Dinge wie kleinen Andenken oder Familienfotos. So hat auch Hatidža Mehmedović im März 2000 bei ihrer ersten Reise nach Srebrenica ihr Haus besucht, in dem nun  Serben aus Donji Vakuf leben. Uns gegenüber sagte sie:

"In der Zeit der Angriffe auf Srebrenica habe ich meinen Ehemann und zwei wundervolle Söhne verloren.Ein Andenken an sie trage ich in meinem Herzen, ich habe aber gar nichts, was mich an sie erinnern könnte. Alle Andenken wie auch mein Leben sind in meinem Haus in Srebrenica, welches ich zusammen mit meinem Ehemann gebaut habe und dabei auf vieles verzichten musste, geblieben. In diesem Haus habe ich meine beiden Söhne erzogen. Als ich vor dem Haus stand, kamen wieder Erinnerungen in mir hoch. Ich erkannte einige meiner Möbel wie einen Schrank, die Küche, Teppiche. Nach außen hin war ich ruhig, mein Inneres bebte aber. Ich hielt die Hände in den Taschen, damit man nicht bemerkt, wie sehr sie zittern. Diese Leute, die jetzt dort leben, halten das Haus sehr rein. Diese Erkenntnis erleichterte mein Leiden. Sie waren nett und gastfreundlich mir gegenüber, so dass ich keine Unannehmlichkeiten hatte. Es schien mir sogar schon, dass es ihnen unangenehm war, dass das alles passiert ist. Ich suchte nach Fotos meiner Söhne und fand nur eines. Es war das Foto meines jüngeren Sohnes Jasmin. Ich nahm das Foto, fing an zu weinen und rannte aus dem Haus. Die anderen Frauen warteten auf mich im Hotel Domavia. Als sie mich sahen, fragten alle sofort, was passiert war. Ich war sehr bleich im Gesicht und mein ganzer Körper zitterte stark. Unbewusst wiederholte ich: 'Es ist alles in Ordnung, es geht mir gut.' Nun bin ich nicht mehr sicher, ob ich in dieses Haus zurückkehren will. In dieses Haus, was einmal meines war, werden meine Liebsten niemals zurückkehren."

 

Nedžiba Salihović lebte auf dem Weg zwischen Srebrenica und Bratunac. 1992 wurde während der Zeit des Angriffs seitens der Armee von Karadžić ihr Haus angezündet und sie mit allen anderen bosniakischen Einwohnern des Dorfes nach Srebrenica vertrieben. In Srebrenica lebte sie mit ihrem Ehemann und drei Söhnen als Flüchtling. Seit dem Fall von Srebrenica werden ihr Ehemann und zwei ihrer Söhne vermisst. Sie  lebt heute in einem serbischen Haus in einem Vorort von Sarajevo.

Im März dieses Jahres fuhr Nedžiba mit einem dänischen Journalisten zum ersten Mal dorthin, wo sie einmal gelebt hatte. Sie war im Hof ihres Hauses, welches nur noch aus einigen kahlen Wänden besteht.  Die Häuser ihrer serbischen Nachbarn wurden nicht zerstört. Das Gespräch mit den Nachbarn war nicht angenehm. Sie sagte ihnen, sie würde nur unter bestimmten Bedingungen zurückkehren: Ihr Haus soll wiederaufgebaut und ihr und allen anderen vertriebenen Bosniaken soll Sicherheit gewährt werden. Ihr Nachbar antwortete darauf, dass sie ein Groß-Serbien bekommen hätten und dass es in diesem neuen Staat keinen Platz für Bosniaken geben würde, wie gern auch immer sie dorthin zurückkehren würden.

Nedžiba Salihović denkt wie auch viele Tausende anderer Vertriebener aus dem Drina-Tal nicht so, sie wollen dahin zurückkehren, woher sie mit schrecklichen Verbrechen vertrieben wurden.

 

]atić Hajra, die ihren Sohn, einen Funker-Amateur, verloren hat, hat ihre erste Reise nach Srebrenica so beschrieben:

"All diese Nachkriegsjahre sind im Warten auf Nachrichten über unsere Liebsten und in der Hoffnung, dass doch noch jemand erscheinen wird, vergangen. Schlaflose Nächte und Träume ohne Angst vor Barrikaden und Hinterhalten führten uns durch die Straßen von Srebrenica und brachten uns geliebte Personen und Tage der einstigen Idylle zurück. Einer der Hauptgedanken war, ob wir jemals unsere Heimatstadt und unsere Häuser sehen werden.

Ein Teil dieser Träume  und Überlegungen hat sich in diesen Tagen verwirklicht. Der UNHCR hat die Buslinie Ilidža - Srebrenica und umgekehrt zweimal wöchentlich eröffnet. Die Abreise ist um 8.00 Uhr, so dass die Busse  irgendwo auf Romanija aneinander vorbeifahren. Nur zehn Personen können mitfahren.

Ich habe mich sofort für die erste Gruppe angemeldet und meine Entscheidung war unwiderrufbar. Viele rieten mir, noch nicht zu fahren, da ich nicht gesund bin und dass sich dieser Besuch negativ auf meinen Gesundheitszustand auswirken könnte. Ich richtete mich also nach den Ratschlägen meiner Freunde, wohl wissend, dass mich Bilder der zerstörten Stadt Srebrenica erschüttern und an all das erinnern werden, was ich im Sommer 1995 erlebt habe.

In mir erwachte aber eine Art Trotz und ich fuhr schon mit der nächsten Gruppe nach Srebrenica. Es war für mich sehr schwierig  vor allem als wir durch Nova Kasaba, Konjević Polje, Kravica und andere Orte fuhren, in denen ich 1995 aus dem Bus gesehen habe, wie viele unserer Männer dort gefangengehalten oder getötet wurden.

Am schlimmsten war es jedoch für mich, als wir durch Potočari fuhren. Vor meinen Augen tauchten diese fürchterlichen Ereignisse vom 11. und 12.Juli 1995 auf, als Männer und Kinder abgeführt und getötet und Frauen und Mädchen vergewaltigt wurden. Ich sehe das Gebäude "Elektrodistribucija", wohin mein Ehemann wie auch viele andere Bosniaken aus Srebrenica gebracht wurden. Er kehrte nie wieder zurück. Ein unbeschreibliches Gefühl erfasst mich, als wir die Stadt betreten. Am Eingang der Stadt eine Tafel, auf der in Kyrillisch 'Srebrenica' steht.

Vezionica - Baratova - Post - städtische Ambulanz und endlich sind wir auf einem Bahnsteig des verkommenen Busbahnhofes. Dort warten viele serbische Polizisten auf uns. Sie erklären uns, dass wir unsere Häuser nicht besuchen sondern nur durch die Stadt spazieren und eventuell einige Dokumente in der Gemeindeverwaltung beantragen können. Ich antworte ihnen, dass ich keine Dokumente brauche und Klisa bzw. die Straße Reuf Selmanagić besuchen will. Mit mir zusammen waren noch sechs Frauen aus meiner Straße. Auf dem Weg beschimften uns die neuen Einwohner unserer Stadt, worauf wir aber nicht weiter reagierten. Im Stadtzentrum überall Müll und Ruinen. Vor dem Krieg gab es allein im Stadtzentrum fünf Moscheen. Heute gibt es keine Spur von ihnen. In der Stadt, deren Bevölkerung einst zu 75 % aus Bosniaken bestand, gibt es heute nicht einen einzigen. Dies ist eine Stadt von Furcht und Schrecken. Ich habe den Eindruck, dass heute in Srebrenica Wilde und Barbaren leben. Dies konnte ich schon in den beiden Stunden, die ich dort verbrachte, erkennen.

Ich komme zu meinem Haus und sage zu einem der Polizisten, die uns begleitet haben, dass ich das Haus betreten will. Er antwortet, dass er nachprüfen, wer nun darin wohnt und fragen wird, ob ich reinkommen kann. Absurd über Absurd. Muss ich denn irgendwelche serbischen Eindringlinge fragen, ob ich mein eigenes Haus betreten darf? Der Polizist kehrt zurück und nickt.

Ich sammle all mein Mut und betrete das Haus.

Ich weiß nicht, ob ich mich fünf Minuten darin aufgehalten habe. Meine Brust drohte zu zerspringen und es schien mir so, als ob ich immer tiefer sinken würde. Ich rannte nach draußen und konnte nicht wieder rein. Mein Heim und meine Stadt sind jetzt fremdes Land. Ohne meine Liebsten und ohne mein Volk ist dies nur ein Tal voll Trauer, Bitterkeit und Verzweiflung."

 

Der Besuch einer anderen Frau aus Srebrenica sah so aus:

"Es war ein kalter Wintertag. Für mich war er anders als andere Tage, da ich an diesem Tag nach sechs Jahren Flüchtlingsdasein meine Stadt Srebrenica und mein Haus besuchen sollte. Mit dem UNHCR-Bus fahre ich mit einer Gruppe von Frauen aus Srebrenica in Richtung der Heimat. Vor meinen Augen ist nur ein Gedanke - wie werde ich dies alles ertragen und werde ich stärker sein als der Schmerz vermischt mit Sehnsucht, Trauer und Nostalgie.

Ich erinnere mich, als der Kriegsverbrecher Ratko Mladić am 11.Juli 1995 seinen Tschetniks in Srebrenica gegenüber sagte, diese Stadt würde nie wieder ein Moslem betreten. Ich bin nun nach vielen Jahren dabei, diese Behauptung des Verbrechers zu widerlegen. Hinter uns bleiben einst überwiegend bosniakische Orte wie Vlasenica, Nova Kasaba, Konjević-Polje, Glogova, Hranča und Bratunac. All diese Orte erinnern an das beispiellose Verbrechen der Serben an den Bosniaken. Überall Öde und Ruinen der abgebrannten Häuser. Die düsteren Bilder und schreckliche Szenen weichen der Erscheinung der ersten Häuser in Bratunac. Hier lebt kein Bosniake mehr.

Neugierige Blicke der neuen Einwohner dieser kleinen Stadt zeigen offene Feindseligkeit und Erstaunen. Wir fahren nach Potočari, dem Ort des schrecklichen Leidens, wo auf eine grausame Weise Tausende bosniakischer Kinder, Männer und Frauen getötet und geschlachtet wurden. Traurig und schmerzhaft ist mein Blick zu der 'Akkumulatorfabrik', 'Feros', der 'Zinkfabrik', 'Srebrenicaexpres', 'Transport und Remont', wo ich einst arbeitete, '11.März'...  Alles ist durch die Granaten des serbischen Aggressors zerstört worden. Ich sehe wieder Tausende Verzweifelter, Brüder und Schwestern, die von der UNPROFOR herzlos den Schlächtern in die Hände übergeben wurden. Ich versuche diese Gedanken, die mich hartnäckig  bis nach Srebrenica verfolgen, zu vertreiben.

Endlich betreten wir meine Stadt. Der Fahrer parkt den Bus einige Meter vor dem Hauptbusbahnhof. Langsam steige ich aus und mein Fuß berührt den Boden der geliebten Stadt Srebrenica. Ich gehe ins Zentrum und bleibe vor meinem Haus stehen. Mit den Tränen kämpfend komme ich durch die Tür und gehe in Richtung der Zimmer. Es ist alles ausgeraubt worden, da ist nichts mehr, was mir gehört hat. Ich bekomme einen Erstickungsanfall, aber ich halte mich trotzdem tapfer. Ich gehe raus und will nicht weinen. Ich bin ganz sicher, dass dies wieder so Gott will mein Haus und meine Stadt sein wird. Zu allem werde ich wieder kommen und alles haben, was ich brauche. Ich halte mich tapfer und gehe weiter zum Zentrum der Stadt. Von den Balkons der Bosniaken starren mich neugierig serbische Eindringlinge an. Alles ist zerstört und abgebrannt, was an die bosniakische Kultur und Tradion erinnert hat.

In der Stadt, in der vor dem Krieg 75 % Bosniaken lebten, gibt es heute keinen einzigen. Alles nur fremde, unbekannte Menschen. Ich erkenne nur wenige frühere Bewohner, ich meide aber Gespräche mit ihnen. Ich gehe durch die Straße Reuf Selmanagić (Efendići) und gehe in Richtung von Petriča und Učina bašča. Dort, wo die neuerbaute Petrička-Moschee stand, sind heute nur Ruinen. Ich würde gerne das Haus meines einzigen und geliebten Bruders, der seit dem 11.Juli 1995 und dem Weg der Furcht und des Schreckens von Tuzla nach Srebrenica vermisst wird, besuchen. Ich weiß auch heute nichts über ihn. Ich bin vor dem Haus und schaue auf die Fenster. Es scheint mir so, als ob er von irgendwo auftauchen müsste. Ich sage mir, dass ich das trotz allem, was uns unsere Feinde angetan haben, aushalten muss.

Ich betrete das Haus meines Bruders, in dem nun der ehemalige serbische Nachbar lebt. Am schlimmsten ist es für mich, als ich den Pullover meines Bruders auf ihm erkenne. Jedes Detail im Haus erinnert an ihn. Meiner Schwester fällt es schwerer, die unerbittliche Realität zu ertagen. Ich tröste sie, aber auch ich fürchte mich davor, von der Trauer und den Schmerzen bezwungen zu werden. Ich verlasse die Stadt im Bewusstsein, dass es hier niemanden gibt, der mir nah ist. Meine ehemalige Stadt ist tot, voller Müll und Schmutz.

Wir gehen mit einem Gefühl der Trauer aber auch Zufriedenheit, da wir zumindest in einem kurzen Moment die Zeit des ehemaligen Friedens, Glücks und der Idylle wieder gefühlt hatten. Nun bin ich mehr als überzeugt, dass wir eines Tages sicherlich zurückkehren und wieder in unserer geliebten Stadt leben werden. Dies müssen wir einfach und nichts wird uns daran hindern können."

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11. Juli in Potočari

   

Dies berichtete die Presse über die Gedenkveranstaltung in Potočari:

Kofi Annan:

Wir müssen aus Srebrenica Lehren ziehen

  Der UN-Generalsekretär Kofi Annan hat sein Bedauern wegen dem Massaker in Srebrenica, dessen fünfter Jahrestag mit einer Gedenkveranstaltung in Potočari gekennzeichnet wird, ausgedrückt.

Am 11.Juli 1995 nahmen die Kräfte der bosnischen Serben die Srebrenica-Enklave ein, die die UN zur "Schutzzone" ernannt hatten. In den Tagen nach dem Fall von Srebrenica wurden mindestens 7.000  bosniakischer Männer von ihren Familien abgesondert und getötet.

Annan sagte, dass es von lebenswichtiger Notwendigkeit ist, aus Srebrenica Lehren zu ziehen und bestimmt Maßnahmen zu ergreifen, damit es in der Zukunft nicht zu solchen Tragödien kommt.

Der Generalsekretär der Weltorganisation sagte ebenfalls, dass die Srebrenica-Tragödie für immer in der Geschichte der UN stehen wird, da diese die Verantwortung für den Fall der Enklave auf sich genommen aber auch auf die Verantwortung der wichtigsten Mitgliedsstaaten hingewiesen haben.

Das Massaker in Srebrenica wird als der barbarischste Akt in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg angesehen.

 

  Mitteilung der Botschafter der Europäischen Union - französische Botschaft

 

Anlässlich des fünften Jahrestags des schrecklichen Ereignisses in Srebrenica möchten die Botschafter der Mitgliedsstaaten der Europäischen Union der Vereinigung der Mütter aus Srebrenica und Žepa, den Familien der Opfer und den Überlebenden ihr Beileid aussprechen.

Die Chefs der europäischen Missionen  möchten wieder ihre Entschlossenheit, die Verantwortlichen für diese Verbrechen verhaftet und verurteilt zu sehen, zu Ausdruck bringen. Sie verweisen noch einmal auf das nicht alternde Recht auf Rückkehr der Flüchtlinge und umgesiedelten Personen, heißt es in der Presseerklärung der franzö-sischen Botschaft.

   

US-Botschaft anlässlich des Jahrestags des Falls von Srebrenica

  Wir bestehen darauf, dass die Verantwortlichen der Gerechtigkeit unterzogen werden

  Anlässlich des fünften Jahrestags des Falls von Srebrenica, welcher von einem Massaker begleitet wurde, der in Europa seit der Zeit des Holocaust beispiellos ist, spricht allen Opfern von Srebrenica die Regierung der Vereinten Staaten ihr tiefstes Beileid  aus.

Wir betonen wieder unser Engagement bei der Suche nach Vermissten, der Sicherstellung der entsprechenden Bestattung der Überreste derjenigen, die getötet worden sind und bestehen darauf, dass alle Verantwortlichen für die Srebrenica-Tragödie der Gerechtigkeit unterzogen werden.

Das Tribunal in Den Haag

 

Eine wahre Versöhnung ist nicht möglich, bis die Verantwortlichen für das Massaker verurteilt werden

 

Die Massaker nach dem Fall von Srebrenica sind die größten Verbrechen während des Krieges im ehemaligen Jugoslawien und deshalb widmet ihm der Ankläger der Internationalen Tribunals  einen bedeutenden Teil der Ermittlungen, sagte der Vertreter des Hauptanklägers Graham Blewitt anlässlich des fünften Jahrestags des Falls der Enklave Srebrenica in Hände der Armee der bosnischen Serben.

Sofort nach dem Massaker im Juli 1995 kamen Berichte über das Verbrechen in das Büro des Anklägers und die Ermittlung begann. Unmittelbar vor der Unterzeichnung des Dayton-Abkommens Ende des Jahres hat die Anklage eine Klage gegen Radovan Karadžić und Ratko Mladić wegen der Verbrechen in Srebrenica  bekanntgegeben. "Sie sind ohne Zweifel die meist Verantwortlichen für Srebrenica", erwähnt Blewitt. Während er in Bezug auf die Verhaftung von Karadžić Optimismus zeigt, bemerkt er, "dass es etwas schwieriger ist, vorherzusagen, wann Mladić verhaftet wird, da der Schlüssel für dieses Problem in Belgrad liegt". Dafür ist jedoch "Geduld und Mühe" erforderlich, sagt Blewitt  und fügt hinzu: "Wir werden auf jeden Fall alles in unserer Macht stehende dafür tun", die Verantwortlichen vor das Gericht zu bringen.

Die Ermittlungen dauern noch an. "Die Forensic-Ermittlungen und die Exhumierungen wurden jedes Jahr durchgeführt, so dass sie auch dieses Jahr fortgesetzt werden", erinnert der Kläger. Bis Ende 2000 werden alle Ermittlungsaktivitäten der Haager Ankläger in Bosnien und Herzegowina auf Srebrenica konzentriert sein. "Nun haben wir uns auf Versuche der bosnischen Serben konzentriert, die Beweise über jenes, was passiert sit, zu verstecken ... bis jetzt waren wir jedoch ziemlich erfolgreich bei der Entdeckung sekundärer Gräber", in die die Leichen der Opfer, die ursprünglich in der Nähe des Exekutionsortes verscharrt waren, verteilt wurden, erklärte Blewitt.

Blewitt meldete auch an, dass man viele Personen für die Verbrechen in Srebrenica anklagen wird und sie vor dem Tribunal in Den Haag stehen werden.

"Eine wahre Versöhnung in Bosnien und Herzegowina wird nicht möglich sein, solange die Verantwortlichen für dieses Massaker nicht der Gerechtigkeit unterzogen werden", sagte der Kläger abschließend.

SNS RS über die Gedenkveranstaltung in Srebrenica

 

Veranstaltung mit hoher Risikogefahr, der eine hohe politische Bedeutung beigemessen wird

 

"Der Serbische Volksbund der Republika Srpska (SNS RS) ist der Meinung, dass die Gedenkveranstaltung für die bosniakischen Opfer in Srebrenica eine Veranstaltung mit hoher Risikogefahr ist und dass ihr eine hohe politische Bedeutung beigemessen wird", sagte der stellvertretende Parteipräsident Branislav Lolić. Nach seinen Worten ist diese Art der Beileidsbekundung für die im Krieg Umgekommenen nicht sehr wohlgemeint.

"Wir denken, dass man in dieser schwierigen Situation in Bosnien und Herzegowina alle Elemente, die der Situation eine zusätzliche politische Bedeutung beimessen könnten, meiden müsste, besonders da man weiß, dass die Sicherheitssituation in diesen Gebieten sehr kompliziert ist", betonte Lolić.

Er gab an, dass er hoffe, die Polizisten der Republika Srpska (MUP RS) "würden auf die beste Art und Weise Sicherheit gewähren" und fügte hinzu, dass "mit solchen und ähnlichen Veranstaltungen die Polizei zusätzlich von der Lösung zahlreicher unbearbeiteter Mordfälle, Mordversuche und anderer terroristischer Akte abgelenkt wird".

Konstatierend, dass es "normal sei, dass alle das Recht auf Besuche ihrer Gräber/Friedhöfe hätten, sagte Branislav Lolić auch, "dass es trotzdem nicht geschehen dürfe, dass diese Veranstaltungen eine politische Bedeutung erhalten".

 

Die Angeklagten für Genozid sind noch immer auf freiem Fuß

 

Die Medien in Montenegro erinnern daran, dass seit dem "größten Einzelverbrechen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg" fünf Jahre vergangen sind - vom Einmarschieren der Armee der Republika Srpska in Srebrenica, wo Soldaten unter Kommando des Generals Ratko Mladić bis zum 18.Juli organisiert und systematisch ca. 8.000 bosniakische Männer und Knaben töteten und innerhalb von zwei Tagen ca. 30.000 Frauen und Kinder deportierten.

"Die Srebrenica-Mütter akzeptieren den Verlust nicht" ist die Überschrift des Textes, welchen das unabhängige Tageblatt "Vijesti" in der gestrigen Ausgabe abdruckte, den Reuters-Artikel  mit Ausagen der Frauen und Mütter über die Tragödie in Srebrenica übernehmend.

Im staatlichen Blatt "Pobjeda" ("Der Sieg")  steht in einem Bericht aus Den Haag unter der Überschrift "Fünf Jahre nach dem Massaker in Srebrenica", dass dies ein "Verbrechen zum Erinnern" ist. Nach den Angaben aus diesem Text wurde bis jetzt für die Verbrechen in Srebrenica nur Dražen Erdemović verurteilt, während die für Genozid angeklagten serbischen Führer Radovan Karadžić und Ratko Mladić noch immer auf freiem Fuß sind.

Das staatliche Radio und Fernsehen von Montenegro erinnerten ebenfalls in Informativsendungen an das schreckliche Massaker, welches sich vor fünf Jahren in Srebrenica ereignete.

Srebrenica

Bosniakisches Haus angezündet

In Srebrenica ist am Montag abend (10.07.2000) ein leeres Haus, welches dem gesetzlichen bosniakischen Eigentümer zurückgegeben werden sollte, angezündet worden, erklärte die Pressesprecherin des OHR, Alexandra Stieglmayer auf einer Pressekonferenz in Sarajevo.

OHR verurteilt diesen Vorfall und ruft die lokale Polizei dazu auf, entsprechende Ermittlungen durchzuführen und die Täter dieses kriminellen Aktes ausfindig zu machen.

 

Fünf Jahre nach der Tragödie von Srebrenica 

Ein Bericht von Oslobođenje über die Gedenkveranstaltung in Potočari

 

Auf dass die Trauer zur Hoffnung, die Strafe zur Gerechtigkeit wird

 

Wir sind nicht hierhin gekommen, um zu richten, aber auch nicht um von der Schuld zu befreien. Wir sind hier, damit man sieht, dass wir die Sünde der schlechten Seele nicht vergessen haben und auch nicht vergessen werden. Wir sind nicht hier, um uns zu rächen, aber auch nicht um zu verzeihen. Wir sind hier, damit man weiß, dass wir die Suche nach Gerechtigkeit nicht aufgegeben haben und auch nicht aufgeben werden. Wir sind hier, um auf jene zu hören, die den Himmel und die Erde zu Hilfe riefen, den Tag und die Nacht, das Wort und die Macht, dass man denjenigen, die töteten während der Nacht und während des Tages, das Schwert aus der Hand nimmt... Gott, ich bitte Dich, dass die Trauer zur Hoffnung, die Strafe zur Gerechtigkeit, die Träne der Mutter zur Ernnerung wird, dass sich Srebrenica nie wiederholt.

 

Dies sagte im Gebet der Reisu-l-ulema der Islamischen Gemeinde in Bosnien und Herzegowina, Mustafa ef. Cerić, bei einem gemeinsamen Bestattungsgebet für die getöteten Männer aus Srebrenica am Dienstag, 11.Juli 2000, in Potočari bei Srebrenica. Mit diesem Gebet wurde auch der fünfte Jahrestag des Genozides an Bosniaken von Srebrenica gekennzeichnet. Dies ist das größte Verbrechen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg.

Das Gebet war ebenfalls ungewöhnlich und beispielslos in diesen Gebieten seit dem Zweiten Weltkrieg. In den Reihen der Betenden standen neben den Bosniaken auch ihre Freunde anderer Glaubensrichtungen. So standen in der ersten Reihe hinter dem reis Cerić, der das Gebet geleitet hatte, einer neben dem anderen Alija Izetbegović, Ejup Ganić, Edhem Bičakčić, der Tuzla-Mufti Husein ef. Kavazović, Ante Jelavić, Jacques Klein und viele andere. An diesem Gebet nahmen auch ca. 3.000 Leute aus Srebrenica teil, die sich nach fünf Jahren wieder am Ort der Tragödie der Bosniaken aus diesem Gebiet eingefunden hatten.

An diesem offiziell genannten "Tag der Erinnerung an den Völkermord an den Srebrenica-Bosniaken" kamen dorthin auch der Hohen Repräsentant für Bosnien und Herzegowina, Botschafter in unserem Land angeführt vom US-Botschafter Thomas Miller wie auch viele andere angesehene Persönlichkeiten aus Bosnien und Herzegowina. Es gab jedoch keinen Vertreter der Republika Srpska oder der Serbischen Orthodoxen Kirche. Alle Regierungsmitglieder und Parlamentarier der Republika Srpska hatten Einladungen bekommen.

Die lange Kolonne der Busse fuhr durch die Republika Srpska mit beispiellosen Sicherheitsvorkehrungen. Ca. 700 Polizisten der Republika Srpska und eine große Zahl internationaler Polizisten geleitete die Kolonne. Polizeiwachen waren alle 100 m aufgestellt. Es gab kaum einen Menschen auf den Straßen und niemand provozierte die Reisenden nach Potočari provoziert. Die Befürchtung des föderalen Verteidigungsministers Mehmed Žilić, dass "šešeljevci" aus Serbien eine Provokation organisieren könnten, hat sich teilweise erfüllt. In Bratunac wurde ein Bus mit Steinen beworfen, der Täter wurde aber sofort verhaftet.

Der Gastgeber dieses traurigen Jubiläums war Nesib Mandžić, der Vorsitzende des Gemeindeparlamentes von Srebrenica, der auch vor fünf Jahren das "Glück" hatte, mit Ratko Mladić verhandeln zu müssen. Dies waren natürlich keine Verhandlungen sondern nur Ausführungen des Mladić-Diktates. Auch das Holländische Bataillon hat die 20.000 Srebrenica-Leute, die auch weiterhin glaubten, dass die UN sie beschützen könnte, in keiner Weise in Schutz genommen. Gerade in dieser Akkumulator-Fabrik, vor der wir mit Mandžić sprechen, hat der Kommandeur des Holländischen Bataillons, Karemans, am 12. Juli einen Brief verfasst, in dem steht, dass er weder das Volk noch seine Soldaten beschützen könne.

"Ich mag es nicht einmal, mich an Potočari zu erinnern", sagt Mandžić. "Dies ist nämlich ein Massengrab des bosniakischen Volkes. Wir haben den Vereinten Nationen vertraut und sie haben uns verraten. Auch heute tauchen Bilder des Horrors und des Schreckens vor meinen Augen auf, Bilder unseres kollektiven Sinnverlustes und unserer Angst, als wir nicht einmal in der Lage waren, miteinander zu kommunizieren."

Mandžić sagt uns, er hätte vor einer halben Stunde die Information bekommen, dass in Srebrenica das gerade wiederaufgebaute Haus von Ibrahim Bakalović, der in diesen Tagen nach Srebrenica zurückkehren sollte, brennt.

"Es gibt keinen anderen Weg, wir müssen zurückkehren und zusammenleben."

Auch der föderale Flüchtlingsminister Sulejman Garib ist optimistisch. Er sagt, dass dieser Tag für ihn eine große Ermutigung sei, da sich das bosniakische Volk entschlossen hat, auch nach Srebrenica zurückzukehren. "Von heute ab wird nichts mehr so sein, wie es bis heute war", sagt er. Er ist sicher, dass bis Ende des Jahres eine massivere Rückkehr der Bosniaken auch nach Srebrenica beginnen wird. Das wird natürlich nur mit unserer und der Hilfe der Internationalen Gemeinschaft möglich sein, sagt er.

"Von hier und diesem Moment beginnt eine bedeutende Versöhnung in Bosnien und Herzegowina", sagt Tarik Arapčić, der Gouverneur des Tuzla-Kantons.

Der Direktor des Instituts zur Erfassung der Kriegsverbrechen, Dr. Smail Čekić, der schon seit mehreren Jahren die Srebrenica-Tragödie untersucht, sagt, dass auch er wie schon Mandžić "von Bildern, die hier vor fünf Jahren zu sehen waren, verfolgt wird". Er gab an, dass mindestens  1.500 Unglückliche aus Srebrenica, die auf den Schutz der UN bauten, hier getötet wurden. Insgesamt sind nach seiner Meinung hier zwischen 8.000 - 10.000 Srebrenica-Leute getötet worden. Er sagte auch, dass das Institut eine genaue Auflistung der Getöteten in Srebrenica schon bald herausgeben wird.

Amor Mašović, der Präsident der Staatlichen Kommission für das Suchen nach Vermissten, weist auf die Berge und Wälder, wo Bosniaken getötet wurden. "Diese Wälder sind voller Skelette der Getöteten aus Srebrenica", sagt er. "Von hier bis nach Nezluk in dieser Richtung und von hier bis nach Turalić bei Kladanj in der anderen Richtung gibt es sehr viele entdeckte und unentdeckte Massengräber. Dies ist eigentlich ein großer Friedhof. Bis jetzt haben wir ca. 4.000 Srebrenica-Opfer gefunden und ausgeggraben. Dies ist leider noch nicht einmal die Hälfte der Getöteten.

Fuad Purišević, der Föderalminister für Soldatenfragen sagte, "er wäre hier ohne Worte geblieben". Er sagte auch noch, dass nun eine Entscheidung verabschiedet wurde, dass der Status der Familien der Vermissten aus Srebrenica mit den Familien der im Krieg Gefallenen ausgeglichen wird.

Sofort als Wolfgang Petritsch kam, versammelten sich viele Menschen um ihn. Er erinnerte wieder daran, dass in Potočari ein Gedenkzentrum gebaut wird, welches dann über die Verbrechen zeugen wird. Er sagte auch, dass es keine Probleme bei der Beschaffung der Mittel für diesen Bau geben sollte, da die Internationale Gemeinschaft die Mittel geben würde.

Der Föderalpremier Edhem Bičakčić erklärte uns, dass dies ein Soldatenfriedhof mit einer Wasserstelle in der Mitte sein wird. Er sprach auch von seiner Hoffnung, dass irgendwann auch eine breite Asphaltstraße seitlich des rechten Ufers des Flusses Drina gebaut wird. So würde dann eine Verbindung zwischen Fazlagića Kula, Tjentište, Žepa, Srebrenica... geschaffen werden.

Auch der US-Botschafter Thomas Miller erwähnte mehrmals, dass das Verbrechen in Srebrenica niemals vergessen und auch nicht wiederholt werden dürfe. Er fügte hinzu, dass den Frauen aus Srebrenica geholfen werden muss.

Gradimir Gojer, Sejfudin Tokić und Boro Bjelobrk sagten auch, das das Verbrechen nicht vergessen werden dürfe und dass die Verbrecher bestraft werden müssen wie auch dass es Zeit ist, dass man mit der Manipulation mit der Srebrenica-Tragödie aufhört.

Der erschüttendste Moment war, als die Busse in Potočari angekommen waren und als die Frauen und einige alte Männer, die hier vor fünf Jahren die bekannte Tortur überlebt haben, aus ihnen stiegen. Einige Frauen verloren das Bewusstsein und man versuchte sie mit Wasser zu erfrischen. Nur wenige von ihnen weinten nicht. Mit ihnen zusammen weinten auch viele andere, so auch Journalisten, die mit ihnen sprachen.

Hasija Malkić hatte mit ihrer Geschichte über die Tragödie begonnen, sie konnte sie aber nicht zu Ende führen. Sie begann mit: "Sie töteten meine Söhne Behudin, Rešid, Mevludin, auch Hajrudin, sie töteten meinen Ehemann Behaija, den Schwager Dževad..." und da brach sie ab.

Rahima Mehić hat die Söhne Idriz und Sabit, den Ehemann Omer, den Schwager Mevludin verloren. Hasiba Krdžić vermisst ihre Söhne Nedžad und Muhamed, den Ehemann Daut.

Sabrija Zukić zeigt uns, wohin er mit seinen Brüdern Salčin und Husein gehen wollte. Die beiden führte man aus dem Bus  und brachte sie in ein Haus gegenüber. Es gibt sie nun nicht mehr. Ihn hat ein Serbe beschützt. Der Sohn Sefer ist über die Wälder gegangen und wird seitdem vermisst. "Nun lebe ich allein mit meiner Ehefrau", sagt er. "Ich habe sonst niemanden mehr."

Das schmerzhafteste Bild war, als sich einige ältere Frauen, die auf dem Rasen saßen, umarmten und nur still weinten. Niemand hatte den Mut, sie nach ihrem Schicksal zu fragen. Es war offensichtlich.

Der Präsident der Föderation von Bosnien und Herzegowina Dr. Ejup Ganić sagte, er hätte sich entschieden, an diesem Tag eine Idee vorzuschlagen, dass die Vereinten Nationen wieder die Sorge für Srebrenica übernehmen. "Dies war die erste Halbzeit, als sie die 'Schutzzone Srebrenica' nicht beschützt haben, sagt er. "Jetzt haben sie nun die Gelegenheit, ihren Verlust in einer zweiten Halbzeit wiedergutzumachen und ein normales Leben in Srebrenica zu ermöglichen." Dr. Ganić sagte, er würde schon am nächsten Tag dem UN-Generalsekretär von dieser Idee schreiben. Etwas später sagte er uns auch, er hätte schon darüber mit einigen Botschaftern gesprochen und denkt, dass die Idee akzeptiert werden würde.

Wir kommen noch einmal zurück auf das Gebet. Ungewöhnlich war nicht nur, dass in den Reihen auch Ausländer anderer Glaubensrichtungen waren, ungewöhnlich war auch, dass Frauen in den Reihen waren, was bei Moslems nicht Brauch ist. Ungewöhnlich war auch, dass der reisu-l-ulema das Gebet nicht auf Arabisch abgeschlossen hatte, wie es normalerweise getan wird. Er schloss das Gebet auf Bosnisch ab und bat Gott dabei, die Opfer von Srebrenica mit Gnade  und ihre Familien mit Geduld zu beschenken. Auch für die Verbrecher betete er - ihren Charakter zu ändern.

Ein großes Ereignis war auch die Ankunft von Alija Izetbegović, dem Vorsitzenden des Präsidiums von Bosnien und Herzegowina. Bis zum Beginn des Gebetes wusste man nicht, ob er kommen wird. Er kam jedoch. Seine Sicherheitsleute erlaubten den Journalisten nicht, sich ihm zu nähern und nach einer Aussage zu fragen. Nach dem Gebet kamen viele Frauen und Männer aus Srebrenica zu ihm und einige küssten seine Hand. In einem Moment befanden wir uns in seiner Nähe und fragte ihn: "Herr Präsident, wie fühlen Sie sich in diesem Moment?" Mit leiser Stimme antwortete er, uns fragend: "Wie kann sich denn ein Mensch heute hier in Srebrenica fühlen?"

Sofort nach dem Gebet wurde verlangt, dass wir in Richtung Kladanj zurückfahren. Wir fuhren die gleiche Straße lang, die auch die Unglücklichen aus Srebrenica vor fünf Jahren lang gefahren sind.

 

 

Protest - Verkehrsblockade an der Ausfahrt von Sarajevo am 12.07.2000

 

Die Frauen aus Srebrenica und Bratunac akzeprtieren kein Leben im Zelt

 

Die Frauen aus Srebrenica und Bratunac, die im Moment in Otes und Osjek wohnhaft sind, haben gestern ab 11.00 Uhr die Ausfahrt von Sarajevo blockiert. Sie fordern, dass die Zwangsräumungen der Wohnungen ihrer Familien gestoppt werden.

"Sie werfen uns aus den Häusern raus. Unsere Häuser wurden angezündet und zerstört. Wohin sollen wir denn zurückkehren? Wir wollen nicht in Kollektivzentren oder in Zelte. Wir wollen in unsere Häuser. Unsere Häuser sollen wiederaufgebaut und unsere Rückkehr gesichert werden. Wir wollen nicht vereinzelt sondern alle gemeinsam zurückkehren" - sagte Hava Ikanović.

Hajra Hodžić, deren Sohn im Krieg umgekommen ist, sagt: "Wir wollen bei Alija Izetbegović vorsprechen, oder noch besser, Petritsch soll zu uns kommen. Dieses Problem muss endlich gelöst werden. Wir wollen nicht mehr in ständiger Angst vor den Zwangsräumungen leben müssen. Wenn sie unsere Rückkehr nicht garantieren können, dann sollen sie uns Kredite geben, damit wir hier neue Häuser aufbauen können. Wir haben genung von Zelten und Kollektivzentren."

Der gleichen Meinung waren auch alle anderen Frauen und betonten, sie würden die Straße nicht freimachen, bis man ihnen die Aufhebung der Zwangsräumungen der Wohnungen zusichert. Nach Informationen der Polizeistation Ilidža wurde die Straße um 18.20 geräumt.

 

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Zusammenfassung

   

Am 11. Juli 2000 werden es fünf Jahre seit der Einmarschierung der Truppen von Ratko Mladic in die UN-Schutzzone Srebrenica und dem extremsten Verbrechens seit Ende des Zweiten Weltkriegs sein. Über 10.000 Menschen werden seitdem vermisst, darunter 1.200 Kinder und über 500 Frauen. Sie wurden wahrscheinlich bei Massenexekutionen getötet. Die Überlebenden dieser schrecklichen Tragödie, zum großten Teil Mütter und Frauen, suchen schon seit fünf Jahren nach der Wahrheit über das Schicksal ihrer Liebsten. Sie wollen, dass die Skelettüberreste der Männer würdevoll nach Gottes- und Menschen-Gesetzen bestattet werden. Nach der abgeschlossenen Umfrage über den Ort der Bestattung erklärten sich 83 %  für eine gemeinsame Bestattung in Potočari, der ehemaligen UNPROFOR-Militärbasis, wo vom 11. - 17.07.1995 über 4.000 Menschen getötet wurden. Auch der Grundstein für ein Memorialzentrum sollte bei der Gedenkveranstaltung am fünften Jahrestag des Falls von Srebrenica, also am 11. Juli 2000, gelegt werden und  ein religiöser Akt des Fatiha-Gebetes für die Toten stattfinden. Es besteht großes Interesse für die Fahrt nach Potočari. Es wurden 100 Busse angemeldet, die serbische Regierung hat bis jetzt jedoch keine Erlaubnis für die Gedenkveranstaltung für diesen Jahrestag in Potočari gegeben. Dieser Tag, 11. Juli, wird bei den Serben als Tag der Befreieung von Srebrenica von den "Türken" (Bezeichnung für Bosniaken) gefeiert. An diesem Tag werden sie ebenfalls die neuerbaute Kirche in Srebrenica segnen. Bei Verhandlungen zwischen den Srebrenica-Organisationen und Vertretern des IPTF und der SFOR wurde vorgeschlagen, die Zahl der Busse zu senken (statt 100 höchstens 15), was die Srebrenica-Organisationen nicht akzeptierten. SFOR-Vertreter sagten, sie können 5.000 Menschen keine Sicherheit gewähren, wie auch dass eine latente Gefahr von Angriffen seitens der serbischen Bevölkerung auf die Teilnehmer der Gedenkveranstaltung droht. Gleichzeitig hat auch die Organisation der Soldaten der Armee der Republika Srpska schriftlich erklärt, es gäbe keinen Grund für eine Gedenkveranstaltung in Potočari, da dort niemand getötet oder gefoltert worden wäre, wie auch dass die Armee der Republika Srpska der Bevölkerung gegenüber im Einklang mit moralischen Grundsätzen verfahren hätte. Die überlebenden Opfer der Srebrenica-Tragödie fragen sich, wie sie zurückkehren und in Srebrenica leben sollen, wenn die Internationale Gemeinschaft nicht in der Lage ist, ihnen für nur zwei Stunden Sicherheit zu gewähren, in denen sie einen Grundstein für ein gemeinsames Grab legen wie auch die Toten, deren Knochenüberreste in Massengräbern in der Republika Srpska noch immer zerstört und umgegraben werden, mit einem religiösen Akt würdigen würden.

Eine schmerzhafte Erfahrung haben die Frauen aus dem Drina-Tal am 10.Mai 2000 gemacht, als sie versuchten, die Stadt Bratunac zu betreten, um Blumen auf den dortigen Sportplatz "Bratstvo" als Zeichen der Erinnerung an die Massaker, die 1992 - 1995 auf diesem Sportplatz begangen wurden, zu legen. Sie wurden dort von ca. 2.000 lokalen Serben mit Steinen und Eisenstangen angegriffen und konnten die Busse nicht verlassen und daher auch keine Blumen auf den städtischen Sportplatz legen.

All dies geschah vor den Augen des IPTF und der SFOR, die nicht in der Lage waren, den Frauen einen effektiven Schutz zu bieten.


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1 Srebrenica 1995 - Buch I, Sarajevo 1998

2 Srebrenica bilten Nr. 6 - März 1999

3 "Samrtno ljeto u Srebrenici" ("Der Todessommer in Srebrenica") - Tuzla 1998

4 "Samrtno ljeto u Srebrenici" ("Der Todessommer in Srebrenica"), Tuzla 1998

5 "Samrtno ljeto u Srebrenici" ("Der Todessommer in Srebrenica"), Tuzla 1998

6 "Samrtno ljeto u Srebrenici" ("Der Todessommer in Srebrenica"), Tuzla 1998

7 Dokumentation der Gesellschaft für bedrohte Völker - Bosnien und Herzegowina, Nr. 97/99

8 Dokumentation der Gesellschaft für bedrohte Völker - Bosnien und Herzegowina, Nr. 20/99

9 Dokumentation der Gesellschaft für bedrohte Völker - Bosnien und Herzegowina, Nr. 78/99