D A S   G E D E N K Z E N T R U M 

 

I N  P O T O È A R I – S R E B R E N I C A 

 

 

S a r a j e v o , Juli 2001

 

Kennzeichnung des sechsten Jahrestags seit dem Fall von Srebrenica – Unterstützung des Aufbaus des Gedenkzentrums für die getöteten Männer aus Srebrenica in Potoèari

Liste der Vermissten aus Srebrenica vom 11. bis zum 17. Juli 1995
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Dieses Jahr am 11.Juli werden es ganze sechs Jahre seit dem Fall der UN – „Schutzzone” Srebrenica sein, als Mladiæs Truppen auf die brutalste Art und Weise in nur drei Tagen 10.000 vorwiegend Männer und Knaben töteten. Die ersten Opfer wurden in Potoèari geköpft, als sich die serbischen Truppen unter die Masse der Flüchtlinge, die in der Akkumulatorenfabrik Zuflucht gesucht hatten, mischten. Es wird geschätzt, dass in Potoèari mehr als drei Tausend Männer und Knaben getötet und dass mehrere Tausend von ihnen nach der Folter an Orte der Massenexekution wie Kravica, Konjeviæ Polje, Nova Kasaba, Zvornik, Karakaj, Pilice, Bratunac gebracht und dort auf die brutalste Art und Weise liquidiert wurden.

Nach Angaben einiger Menschenrechtsorganisationen sind bei dem Fall von Srebrenica über 7.000 Personen verschwunden oder wurden getötet, während die Vereinigung „Bewegung der Mütter aus den Enklaven Srebrenica und Žepa” davon spricht, dass in diesem Exodus über 10.000 Männer, Frauen und Kinder getötet wurden. Für die Mehrheit von ihnen weiss man, dass sie sich in Massengräbern befinden, die nachträglich umgegraben und zerstört werden, so dass der Identifikationsprozess sehr erschwert ist. 

Ganze fünf Jahre wurden im Tunnel des Kommemorativzentrums in Tuzla exhumierte Skelettüberreste in 1.250 Plastiksäcken gelagert. Im Kommemorativzentrum in Visoko warten noch immer 4.000 exhumierte Überreste, überdeckt mit Plastikplanen, auf den Identifikationsprozess. In den Säcken, die im Kommemorativzentrum in Tuzla gelagert werden, befinden sich Skelettteile mehrerer Personen, während nur in einem Teil der Säcke komplette Skelette oder der grösste Teil des Skeletts einer Person gelagert werden. Fachleute können nur aus kompletten Skeletten Proben entnehmen, aus denen man dann auch den Körperstoff DNS (DNA) erhalten kann. In der DNS  befindet sich der Grundkode jeder Person, durch den man dann durch das Vergleichen der DNS des Opfers mit der DNS seiner Familienangehörigen seine Identität feststellen kann. Der Identifikationsprozess läuft sehr langsam ab und bis jetzt sind erst ca. 70 Überreste identifiziert worden. Es stellt sich nun die Frage, wie man die Knochen bzw. Skelettteile bestatten sollte, ohne Rücksicht darauf zu nehmen, ob schon festgestellt wurde, wem diese Skelettteile gehören oder nicht. Und zweites, wie soll man die Knochen und Skelettteile, die absolut nicht identifiziert werden können, bestatten. Die Vertreter der Internationalen Gemeinschaft wie auch OHR sind der Meinung, dass die Familien ihre Zustimmung für die Bestattung von ca. 2.000 für die Identifikation vorbereiteten Überreste geben sollen. Fachleute haben schon aus diesen Körpern die für die Identifikation benötigten Proben genommen.

Nach der durchgeführten Umfrage seitens der „Bewegung der Mütter aus den Enklaven Srebrenica und Žepa“ über den Bestattungsort der getöteten Männer aus Srebrenica sprachen sich 83 % der Befragten für Potoèari, die ehemalige UNPROFOR – Basis, wo in der Zeit vom 11. – 17.Juli 1995  über 4.000 Personen getötet wurden, aus.

Der Hohe Repräsentant für Bosnien und Herzegowina, Herr Wolfgang Petritsch, zeigte Respekt für die Entscheidung der Familien, dass die Überreste ihrer Liebsten in Potoèari, wo die Mehrheit von ihnen massenweise getötet wurde, bestattet werden, und brachte im Oktober des vergangenen Jahres eine Schiedsentscheidung über den Bau des Gedenkzentrums und eines gemeinsamen Friedhofes in Potoèari. Mit dieser Entscheidung von Petritsch sind jedoch nicht alle Probleme gelöst worden. Die Familien der Getöteten aus Srebrenica möchten, dass in Potoèari ein grandioses Gedenkzentrum errichtet wird, welches sich aus mehreren Elementen zusammensetzen würde: Einem Museum mit einer Fotogalerie, einem Filmraum und einem Park, was aber die Vertreter der Internationalen Gemeinschaft mit der Begründung abschlagen, dass dies zu teuer wäre. Eigentlich handelt es sich hierbei um einen Mangel am politischen Willen in den Reihen der Regierungen einiger westlicher Länder, den getöteten Männern aus Srebrenica bzw. ihren Familien ein Minimum an Satisfaktion  für die schrecklichsten Verbrechen in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg zu geben.

Für Tausende der Überlebenden aus Srebrenica stellt der Bau des Gedenkzentrums eine Linderung ihrer Leiden dar, denn sie werden endlich nach sechs Jahren ihre Liebsten nach Gottes und Menschengesetzen bestatten können. Wir sind der Meinung, dass dieses Gedenkzentrum zur gleichen Zeit auch eine Mahnung an alle sein wird, dass sich solch ein Exodus nie und nirgendwo wieder ereignet.

Obwohl es der Wunsch der Mütter aus Srebrenica war, dass der Grundstein bei der Kennzeichnung des fünften Jahrestags der Srebrenica-Tragödie gelegt wird, kam es jedoch nicht dazu. Dazu wurde auch die Zahl der angemeldeten Teilnehmer von 5.000 auf 1.000 reduziert, da IPTF und SFOR die Sicherheit so vieler Teilnehmer nicht garantieren konnten. Sie rechtfertigten es damit, dass es eine latente Gefahr gibt, die serbische Bevölkerung könnte die Teilnehmer des Kommemorativtreffens angreifen.

Als unseren Beitrag für den Bau des Gedenkzentrums haben wir einen Runden Tisch zu diesem Thema organisiert,  welcher im Rahmen der Internationalen Frauen – Friedenskonferenz in Srebrenica vom 28. – 30. Mai 2001 stattfand. Die Teilnehmerinnen waren Vertreterinnen von serbischen Frauen - NGOs aus Bratunac und Srebrenica, Vertreterinnen der lokalen Regierung wie die stellvertretende Bürgermeisterin der Gemeinde  Srebrenica, Frau Milka Rankiæ, die Ministerin für Flüchtlinge und soziale Fragen, Frau Besima Boriæ – Mariæ  wie auch Vertreterinnen der Internationalen Gemeinschaft, der SFOR und IPTF. Wir wollten über sorgfältig gewählte Vertreterinnen der lokalen Regierung wie auch über serbische Frauenorganisationen ein positives Klima für den Bau des Gedenkzentrums schaffen, um auf diese Weise eine Wiederholung der schrecklichen Ereignisse in Trebinje und Banja Luka zu verhindern, als eine ausser sich geratene Masse von Menschen die Grundsteinlegung für die Osman – Pascha Moschee in Trebinje und die Ferhad – Pascha Moschee in Banja Luka nicht zuliess.

Alle Teilnehmerinnen waren sich darüber einig, dass das Gedenkzentrum gebaut werden muss, damit die Knochenüberreste der über 10.000 unschuldig getöteten Männer aus Srebrenica endlich Ruhe finden und ihre überlebenden Familienmitglieder eine Schmerzlinderung wegen des Verlustes ihrer Liebsten  erfahren. Auf diese Weise werden die Überlebenden den Kreis der Ungewissheit, der schon volle sechs Jahre andauert, schliessen, und ein neues Leben beginnen.

Die Rückkehr der Toten wird auch den Überlebenden die Rückkehr ermöglichen. 

Die Vertreterin der lokalen Regierung und stellvertretende Bürgermeisterin von Srebrenica, Frau Milka Rankiæ, betonte, dass sie die Idee über den Bau des Gedenkzentrums in Potoèari vom ersten Tag an unterstützt und dass man bei den Vorbereitungen für den Bau schon sehr viel weiter gekommen ist. Gleichzeitig hat sie auch appelliert, dass die gesamte Zeremonie der Grundsteinlegung keinen politischen Beiklang erhält.

Vesna Jovanoviæ, Direktorin von „Amica“ aus Srebrenica sagte: „Ich möchte meine Unterstützung für den Bau dieses Gedenkzentrums für die über 10.000 getöteten Männer aus Srebrenica ausdrücken und bin heute deshalb hier – jedoch mit einem Gefühl von Scham wegen der Erkenntnis, dass solch ein Verbrechen hier wirklich stattgefunden hatte. Heute sind hier alle auf eine bestimmte Weise traurig: Die einen, weil sie Opfer sind und wir, die anderen, weil wir uns dessen schämen, was hier alles passiert ist. Jeder Trauerprozess endet am Grab und deshalb ist es wichtig, dass wir alle den Bau dieses Gedenkzentrums unterstützen.“  

Stanojka Tešiæ, Präsidentin  „Frauenforum Bratunac”: „Ich bin der Meinung, dass alle serbischen Frauen den Bau dieses Gedenkzentrums öffentlich unterstützen sollten, damit die Exhumierten, die schon so lange in diesen Plastiksäcken liegen, auf eine würdevolle Art und Weise bestattet werden können. Ich persönlich bin bereit, mit meinen blossen Händen Steine für den Bau des Zentrums zu tragen, denn die einzige Möglichkeit für die Rückkehr des Lebens in diese wirklich toten Städte ist die sofortige Bestattung der Toten.“

Vesna Mustafiæ, Vertreterin von „Srebrenica 99“: „Ich bin stolz darauf, heute hier zu sein und als Serbin dem Bau des Gedenkzentrums und der Bestattung der Toten meine volle Unterstützung geben zu können. Neben dieser Unterstützung bin ich der Meinung, dass es gut wäre, eine stärkere Kampagne über moslemische und orthodoxe Geistliche durchzuführen, die den Menschen erklären könnten, dass Tote ihre Ruhe brauchen.“

Novka Agiæ, Vertreterin des Serbischen Bürgerrates – Sarajevo: „Für den Menschen ist es immer einfacher, wenn er seine Trauer mit anderen teilen kann. Ich bin heute hier, um diesen Frauen meine Unterstützung zu geben. Wir müssen Druck auf die Politiker machen, damit eine würdevolle Bestattung der Toten erfolgen kann.“

Besima Boriæ – Mariæ, Ministerin für Flüchtlinge - Kanton Sarajevo: „Ich bin heute hier nicht als Ministerin sondern als Mutter und sehe dies als meine menschliche Verpflichtung an. Wann immer ich über das Gute und Böse, das Leben und den Tod nachdenke, denke ich meistens an Srebrenica. Wann immer es mir schlecht geht und ich nicht mehr weiter kann, denke ich an diese Mütter und Frauen, die sich nicht von der Stelle rühren können, bis es nicht diesen Ort gibt, wo sie, wenn sie an den Grabsteinen ihrer Liebsten ein Gebet zu Gott sprechen, endlich ihre Ruhe finden. Diese Geschichte dauert schon zu lange, sie ist zu bösartig und wird ihre Folgen haben. Wir als Frauen müssen mehr Kraft haben und standhaft bleiben, bis endlich alle Toten bestattet werden.“

Am Ende des Runden Tisches waren alle Teilnehmerinnen der Meinung, dass der Wille der Familien der Getöteten aus Srebrenica respektiert und der Grundstein für den Bau des Gedenkzentrums in Potoèari an dem Tag gelegt werden muss, als sich diese schreckliche Tragödie auch ereignet hat – und dies ist der 11. Juli 2001.               

Das Finanzieren des Aufbaus des Zentrums sollte das kleinste Problem sein, denn es wurde die Stiftung “Srebrenica – Potoèari,  Denkmal und Friedhof“ gegründet, dessen Aufgabe es ist, die nötigen Mittel zu beschaffen. Von den Vereinten Nationen erwartet man auch eine finanzielle Unterstützung für die gegründete Stiftung, um die Arbeiten am Bau des Gedenkzentrums zu beschleunigen, da sie für dieses grösste Verbrechen seit dem Zweiten Weltkrieg in Srebrenica, bei dem über 10.000 Menschen unter der UN-Fahne getötet wurden, mitverantwortlich sind.

Das Gedenkzentrum muss dem Ausmass der Tragödie, die sich 1995 in Srebrenica ereignet hat, entsprechen.

Auf einer Fläche von 44.000 Quadratmetern werden 10.000 Grabsteine mit folgenden Namen stehen :

 

 

Über die Organisation "Bewegung der Mütter aus den Enklaven Srebrenica und Žepa"

Mit dem Fall der Schutzzone und Enklave Srebrenica am 11. Juli 1995 verschwanden auch 10.701 Personen, darunter auch 570 Frauen und 1.042 Minderjährige und Kinder. Bis heute wurden (nach Angaben der Staatlichen Kommission für Vermißte) 4.085 Leichenüberreste der Männer aus Srebrenica exhumiert. Die Mehrheit der exhumierten fand man in Sekundärmassengräbern in einem so schlechten Zustand, daß es unmöglich ist, die Skelette zusammenzusetzen und die Identifikation durchzuführen.
Seit Beginn der Arbeit der Bosnischen Sektion der GfbV war die Verbindung zu den Frauen aus Srebrenica einer der wichtigsten Punkte ihres Tätigkeitsbereiches. Nach der Wahrheit über die Vermißten suchend, organisierten wir mit ihnen schweigende Demonstrationen. Es war unser Wunsch, diese Frauen in einer Organisation zu vereinigen, um eine effektivere Arbeit und bessere Realisierung ihrer Ziele - das Suchen nach der Wahrheit über die Vermißten zu erreichen. 1998 haben wir es auch geschafft, alle Mütter in der "Bewegung der Mütter aus den Enklaven Srebrenica und Žepa", welche im Rahmen der Bosnischen Sektion der GfbV in Sarajevo registriert wurde, zu vereinigen.
Die "Bewegung der Mütter aus den Enklaven Srebrenica und Žepa" ist 1998 als eine Bürgervereinigung und eine überparteiliche und regierungsunabhängige Organistion, deren Ziel es ist, die Wahrheit über die mehr als 10.000 Vermißten aus Srebrenica zu erfahren, registriert. Diese Organisation versammelt mehr als 12.000 Mitglieder, die im Kanton Sarajevo (Vogošæa), im Kanton Tuzla und im Kanton Zenica leben.
Die Mehrheit dieser Frauen hat alle männlichen Familienmitglieder verloren und lebt momentan alleine oder mit den überlebenden Enkelkindern.
Um die Welt an die schreckliche Tragödie Srebrenicas, die sich am 11.Juli 1995 ereignete, zu erinnern, organisierten diese Frauen mit der Unterstützung der GfbV - Bosnien und Herzegowina an jedem 11. eines Monats schweigende Demonstrationen in Sarajevo und anderen Städten Bosniens und Herzegowinas unter dem Motto "Wir wollen die Wahrheit über unsere Liebsten", "Wenn sie noch leben - dann befreit sie, wenn sie tot sind - dann möchten wir sie ehrwürdig bestatten".

Der Prozeß der Identifikation ist sehr teuer und läuft sehr langsam ab. Das Team der Forensiker, welches an der Identifikation gearbeitet hatte, konnte bis jetzt nur 53 Überreste identifizieren, wofür es 1.200.000 Dollar ausgegeben hat. Deshalb hat Bob Dole - der Vorsitzende der Internationalen Kommission für Vermißte - dieses Team aufgelöst und ein neues formiert - mit dem Unterschied, daß jetzt entschieden wurde, in Sarajevo ein Institut für Genetik zu gründen, in dem die Knochenanalyse verrichtet werden kann. Man nimmt an, daß auf diese Weise, der Prozeß der Identifikation beschleunigt werden kann.
Es gibt hierbei jedoch ein großes Problem. Für den Prozeß der Identifizierung kann man nur Blut der Mutter oder anderer weiblicher Familienmitglieder verwenden. Bis jetzt sind mehr als 450 Mütter gestorben, dieser Trend setzt sich auch fort. Die Mütter aus Sebrenica sind schwer traumatisiert und gebrochen durch die Trauer für ihre Liebsten, so daß sie frühzeitig und unerwartet sterben. Es ist ganz gewiß, daß die Mehrheit von ihnen nicht den Moment erleben wird, wenn die Knochen ihrer Söhne, Ehemänner und Brüder identifiziert werden. Es wird die Frage gestellt, wem die Resultate der DNA-Analyse überbracht werden sollen.
Dies waren Beweggründe für die Bosnische Sektion der GfbV in Sarajevo zusammen mit der "Bewegung der Mütter aus den Enklaven Srebrenica und Žepa" eine Initiative für die Bestattung der Exhumierten in einer gemeinsamen Grabstätte zu ergreifen. Beinahe ein Jahr dauerte die Diskussion darüber an, wo man die Vermißten bestatten sollte.
Alle Vertriebenen aus Srebrenica akzeptierten die Idee über eine gemeinsame Bestattung, es gab jedoch mehrere Vorschläge bezüglich des Bestattungsortes. Deshalb wurde auch eine Befragung durchgeführt, wobei drei mögliche Bestattungsorte vorgeschlagen wurden:
- Kanton Sarajevo
- Kanton Tuzla
- Srebrenica (Potoèari).

Von den 10.197 Befragten sprachen sich 83 % für Srebrenica (Potoèari) aus.
In Potoèari fand ja auch das größte Massaker statt, wobei Mladiæs Kämpfer in Anwesenheit des holländischen Bataillons mehr als 3.000 Männer töteten.
Für die Durchsetzung des Willens der Befragen aus Srebrenica wie auch für die Errichtung eines Grundsteins am 11 Juli 2000, dem 5.Jahrestag des Falles von Srebrenica, ist eine riesige Unterstützung der Internationalen Gemeinschaft notwendig, da es in der Republika Srpska dafür keinen politischen Willen gibt.
Die serbische Seite in der Gemeinderegierung hat diese Forderung abgeschlagen. Die bosniakische Seite hat in dieser Regierung keinen Einfluß.

Die Mütter aus Srebrenica haben vergangenes Jahr den vierten Jahrestag seit dem Fall von Srebrenica mit einer Reise nach Potoèari gekennzeichnet. Es war schrecklich, daß IPTF nur einer bestimmten Zahl von Frauen (200 Frauen) gestattete, an der Reise teilzunehmen. Nach dem verrichteten Gebet in Potoèari mußten sie sofort wieder in die Busse steigen, ohne sich auch nur eine Minute in Srebrenica aufhalten zu können.
Jede von ihnen will in ihr Haus zurückkehren, sie verlangen jedoch, daß zuerst die Kriegsverbrecher, die ihre Liebsten getötet haben, bestraft werden.

Ziele und Aktivitäten der Vereinigung:
1. Sammeln und Suchen nach Informationen über vermißte Personen;
2. Sicherstellen von Hilfe für Kriegsopfer;
3. Unterstützung bei der Reintegrierung der umgesiedelten Personen;
4. Zusammenarbeit mit internationalen und lokalen Organisationen bezüglich der vermißten Personen;
5. Austausch von Informationen mit Familien der Vermißten aus der Republika Srpska und Herzeg-Bosna.

Das Präsidium der Organisation ist aus fünf Mitgliedern zusammengesetzt. Die Vorsitzende der Vereinigung ist Subašiæ Munira, den stellvertretenden Vorsitz hat Hotiæ Kada. Der Sekretär der Vereinigung ist Mujiæ Sabra. Der Vorstand setzt sich aus fünf Mitgliedern zusammen. Die Vorsitzende der Vorstandes ist Fadila Memiševiæ, Leiterin der Gesellschaft für bedrohte Völker - Bosnien und Herzegowina.

Was bis jetzt getan wurde
Mit ihrer Aktivität konnte die "Bewegung der Mütter aus den Enklaven Srebrenica und Žepa" Druck auf die Internationale Gemeinschaft aber auch auf die heimische Regierung ausüben, den Prozeß der Exhumierung und Identifikation zu beschleunigen. Sie lieferten auch einen eigenen Beitrag zum Auffinden der Überreste, indem sie eigenhändig in den Wäldern von Srebrenica bis nach Tuzla nach zerstreuten Knochen suchten, um so den Prozeß der Identifikation wirklich zu beschleunigen. Sie organisierten einen Besuch der exhumierten Überreste, die in Plastiksäcken in einem Tunnel in Tuzla wie auch in Containern im Kommemorativzentrum in Visoko gelagert werden.
Sie organisierten auch einen Runden Tisch zum Thema der Vermißten. Ebenfalls organisierten sie einen schweigenden Protest anläßlich des Stabilitätspaktes in Sarajevo, wobei sie sich mit Transparenten und Botschaften wie "Vergeßt nicht die Vermißten" an Bill Clinton und Madelein Albright wandten.
Schweigende Demonstrationen zum gleichen Thema organisierten sie auch am 10. Dezember - Tag der Menschenrechte.
Die Mütter protestierten zusammen mit der GfbV - Bonien und Herzegowina auch anläßlich der Verurteilung der drei Männer aus Srebrenica zu je 20 Jahren Freiheitsentzug. Diese drei unschuldig verurteilten Männer wurden von US-Soldaten an die Polizei Karad`iæs ausgeliefert, nachdem sie die Soldaten um Hilfe gebeten hatten. Volle drei Jahre hatten die Mütter vor den Gebäuden der Vereinten Nationen, des Roten Kreuzes, der OSCE und OHR protestiert. Die drei Männer aus Srebrenica wurden schließlich auch freigelassen.

Fünf Jahre nach dem Fall von Srebrenica und fünf Jahre nach der Unterzeichnung des Friedensvertrages in Dayton sind die Frauen aus Srebrenica noch immer die größten Opfer des Krieges in Bosnien und Herzegowina. Von 1992 an mußte ein großer Teil von ihnen ihre Häuser verlassen und in dem damals freien Srebrenica Zuflucht suchen. 1995 wurde nach dem Fall von Srebrenica der größte Teil der Frauen von den Männern getrennt. Sie kamen im freien Gebiet an und wurden in einem der Kollektivzentren untergebracht. Anfang 1996 nach der Unterzeichnung des Friedensabkommens und der Reintegrierung der serbischen Gemeinden Vogošæa, Ilijaš, Ilid`a, Vozuæa verließen diese Frauen die Kollektivzentren und siedelten sich in den verlassenen und zerstörten serbischen Häusern der erwähnten Gemeinden an. Mit einem Minimum an finanziellen Mitteln bauten sie die zerstörten serbischen Wohnungen und Häuser wieder auf, müssen sie heute jedoch verlassen, da die ehemaligen Einwohner zurückkehren wollen. Die Frauen aus Srebrenica müssen auf diese Weise schon zum fünften Mal umziehen, nach Srebrenica können sie jedoch nicht zurückkehren.

Erlebnis von Kada Hotiæ, der stellvertretenden Vorsitzender der "Bewegung der Mütter aus den Enklaven Srebrenica und Žepa":

'Wir haben schlimme Leiden erlebt. Welch ein Kampf für die Existenz und Überleben dies war, kann man vielleicht am besten durch die Tatsache zeigen, daß ich siebenmal zu Fuß nach Voljavica und andere Dörfer ging, um Nahrung zu suchen. Ich lief zwei Tage lang, um ca. 20 kg Maismehl nach Hause zu bringen - von der ständigen Gefahr von Granaten und Bomben gar nicht zu sprechen.
Am 11. Juli 1995 gegen Mittag war ich zusammen mit meinem Ehemann, Bruder und seiner Ehefrau und Kindern in der Wohnung in Baratova. Mein Sohn stürmte in die Wohnung und fragte uns: 'Worauf wartet ihr denn? Sie kommen schon den Berg in die Stadt runter. Wollt ihr, daß man euch abschlachtet?'
Als wir zur Straße liefen, fiel eine Granate in unserer Nähe. Wir mußten uns zuerst verstecken, dann gingen wir aber weiter in Richtung Potoèari. Bei der Tankstelle trennten sich die Männer ab, die über die Wälder gehen wollten. In diesem ganzen Chaos vergaß ich, mich von meinem Sohn zu verabschieden. Ich wandte mich um und sah, wie er sich entfernte. Ich schaffte es noch, ihm zuzurufen: "Viel Glück, mein Sohn!" Er wandte sich um und winkte mir nur mit der Hand zu. Sein Profil und der erhobene Arm ist das einzige Bild, mit dem ich heute noch lebe.
Wir beeilten uns in Richtung Vezionica und UN-Camp. Dort gestattete man uns jedoch nicht, in den Kreis der UN vorzudringen, so daß die Volksmasse gewaltsam die Zäune durchbrach und so eindrang. Die UN-Soldaten fingen an, sich in Panik nach Potoèari zurückzuziehen. Das Volk hängte sich an die Lastwagen. Drei Granaten fielen auf und um die Basis. Ich merkte, wie UN-Flugzeuge über Srebrenica flogen. In einem Moment war ich erleichtert, da ich dachte, daß wir zumindest lebendig Potoèari erreichen werden.
In Potoèari war ich mit der Familie im Kreis der Zinkfabrik. Wir konnten nicht einschlafen, da ständig Granaten in unserer Nähe fielen. Am Morgen gegen 9 Uhr benachrichtigten uns die Übersetzer, daß sich serbische Soldaten unter uns mischen werden und daß wir keine Angst haben sollen, da sie nur nach Informationen suchen würden. Wir saßen in einer Gruppe, mein Ehemann Sead, mein Bruder, seine Frau, ihre beiden Töchter und ich, und schwiegen. Wir hatten keine Kraft für ein Gespräch. Jeder war allein mit seinen Gedanken und seiner Angst. Ich fühlte weder Hunger, Durst noch Hitze. Ich hatte keine Hoffnung, daß ich überleben werde, ich hatte aber auch keinen Willen zum Überleben. Die einzige Erleichterung war, als jemand die Nachricht verbreitete, daß die Männer, die über die Wälder gegangen waren, sicher das freie Territorium erreicht hätten. Viel später sollte ich erfahren, daß dies eine Lüge war.
Gegen 11 Uhr fingen die Tschetniks an, zwischen uns spazierenzugehen. Ein Nachbar (der ältere Sohn von Gargija) erkannte mich und fragte, ob auch ich ihn erkennen würde. Ich sagte, daß viel Zeit vergangen sei und daß er gewachsen wäre. Ein anderer fragte mich ebenfalls, ob ich ihn kennen würde und sagte mir dann, er wäre der Sohn von Sreæko aus Soloèuša. Sie fragten mich, wo mein Ehemann und mein Sohn seien. Ich antwortete, daß mein Ehemann dort sei, daß ich aber über den Sohn nichts wisse. Sie waren über alles gut unterrichtet, sie provozierten uns damit nur. Zum Schluß sagten sie mir, ich soll mich nicht sorgen, da ich das freie Territorium erreichen werde.
Gegen 17 Uhr des gleichen Tages führten die Tschetniks meinen Bruder Ekrem ab. Er kam bald zurück, um seine Jacke zu holen und sagte uns, wir sollen ihn nichts fragen. Er ging, ohne sich umzuschauen. Wir haben uns nicht einmal verabschiedet. Seine Tochter weinte die ganze Zeit über. Wir trösteten sie, aber auch wir konnten nicht mit dem Weinen aufhören. In der zweiten Nacht engten sie den Kreis ein, so daß wir uns aneinander drängen mußten. Auch heute, wenn ich mich an diese Nacht erinnere, überkommen mich Angst und Bangen. Ich sah UN-Soldaten, wie sie unter uns hin und her spazieren. Ich fühlte eine Erleichterung, denkend, daß sie auf uns aufpassen würden. Müdigkeit überkam mich, so daß ich in einer Art Halbschlaf war. Dann hörte ich auf einmal Schreie. Ich riß mich hoch. Überall um mich herum war Geschrei. Ich versuchte, einige Frauen zu beruhigen, denkend, daß die Schreie von einer Kassette kommen.
Das Geschrei legte sich ein wenig, dann hörte man aber die Hilferufe einer Frau: 'Leute, die UNPROFOR-Soldaten schlachten unsere Kinder ab. Sie haben gerade mein Kind getötet!'
Ich habe gedacht, diese Frau hätte einen Nervenzusammenbruch erlitten. Man hat leider wirklich ihren 13jährigen Sohn abgeschlachtet, dies waren nur keine UNPROFOR-Soldaten, sondern Tschetniks in UN-Uniformen. Das haben wir am nächsten Morgen auch erfahren. Die Jammerlaute und Schreie wiederholten sich in dieser Nacht mehrmals. Die Tschetniks führten Mädchen, jüngere Frauen und Knaben ab. Geflüstert überbrachten wir einander, was geschieht.
Am frühen Morgen des 13.Juli weckte ich meinen Mann auf und wir gingen in Richtung der geparkten Fahrzeuge, die die Tschetniks für den Transport bestimmt hatten. Ich sagte, daß ich so eine Nacht nicht noch einmal überleben könnte. Wir konnten bis zur Rampe am Ausgang durchdringen. Als wir die Rampe überschritten, fühlte ich, als ob ich neuen Willen und Hoffnung für das Leben erhalten hätte. Ich dachte, wir wären gerettet. Mein Ehemann, die Töchter meines Bruders, seine Ehefrau und ich liefen in Richtung der Busse los. Drei bis vier Busse bei der Rampe waren jedoch geschlossen. Aus einem der Busse rief uns der Fahrer. Wir gingen mit schnellen Schritten auf diese Seite zu, eine Gruppe von Tschetniks in schwarzen Anzügen hielt jedoch meinen Ehemann an. Einer von ihnen stieß ihn mit seinem Gewehr zur Seite, und mein Ehemann lief mit schnellen Schritten in einem Schockzustand auf die andere Seite. Er wandte sich nicht einmal um. Ohne Wort schaute ich ihm hinterher. Er ging zu der Gruppe der Männer, die auf der Wiese neben der Akkumulatorfabrik versammelt waren.
Dieses Ereignis brachte mich wieder auf den Abgrund. Ich verlor jedes Gefühl für Raum und Zeit. Erst als der Busfahrer zuerst die Musik ein- und dann ausschaltete, fing mein Gehirn wieder an zu arbeiten.
In Kravica sah ich Kolonnen von Gefangenen zu beiden Seiten der Straße. Bei Konjeviæ Polje sah ich auf der Wiese auf der rechten Seite der Straße Gefangene auf Knien und mit hinter dem Kopf verschränkten Armen. Ich habe mich sogar nicht getraut, dahin zu schauen, aus Angst, ich könnte unter diesen Männern meinen Sohn oder Bruder Mustafa sehen, den ich beim Abschied nicht einmal gesehen hatte. Insgeheim hoffte ich jedoch, daß die Männer vielleicht zum Schluß aus Potoèari evakuiert werden würden.
Als ich nach Tuzla kam, habe ich dort niemanden von meinen Angehörigen angetroffen. Ich habe Krankenhäuser besucht, mich an verschiedenen Orten erkundigt, ich bekam aber über niemanden von ihnen eine Information. Die Hoffnung habe ich nicht verloren und warte noch immer auf sie, denn es kann nicht wahr sein, daß mir der Krieg meinen Sohn, Ehemann und zwei Brüder genommen hat. Manchmal werde ich von Panik ergriffen, daß ich auch über sie nichts erfahren werde, wie ich auch über meinen Vater, der seit April 1945 und dem Zweiten Weltkrieg vermißt wird, nie etwas erfahren habe."

Vor einem Monat wurde Kadas Ehemann identifiziert. Man hatte ihn aus einem Massengrab in der Nähe der Stadt Cerska ausgegraben. Wir müssen hierbei erwähnen, daß diese Frauen die Botschaft, daß einer ihrer Angehörigen gefunden wurde, nicht leicht aufnehmen. Auch für Kada Hotiæ, die den Horror von Srebrenica und Potoèari erlebt hat, war es nicht leicht, als ICMP-Vertreter an ihre Tür klopften und sie baten, mit ihnen nach Visoko in das dortige Kommemorativzentrum wegen der Identifikation mitzukommen. Dies sagte sie uns gegenüber:
"Ich fing an zu zittern. Tief in mir drin war die Hoffnung, daß mein Ehemann wie auch mein Sohn noch leben. Ich weiß nicht mehr, was ich gesagt habe, wahrscheinlich etwas Bezugsloses. Sie sagten mir, sie hätten einen Teil des Trainingsanzugs meines Ehemannes gefunden. Ich fragte sie, ob im Trainingsanzug zumindest ein Knochen geblieben sei. Wir setzten uns ins Auto und fuhren los in Richtung Visoko. Der Schüttelfrost wollte nicht aufhören. Meine Hände zitterten so stark, daß ich sie mit meiner Tasche überdecken mußte. Ich erlebte wieder die letzten Stunden unserer Tragödie. Mein Ehemann war im Haus in seinem Trainingsanzug. Als die Tschetniks von allen Seiten in die Stadt eindrangen, mußten wir eilig unser Heim verlassen. Mein Ehemann zog seine neuen Schuhe an. Ich sagte ihm, er soll nicht die neuen anziehen, worauf er erwiderte: 'Du siehst, es ist Krieg, wer weiß, ob ich jemals wieder solche Schuhe werde kaufen können.'"
Kada hat ihren Ehemann an seinem Trainingsanzug und seinen Schuhen erkannt.

   

S R E B R E N I C A

FÜNF JAHRE DANACH

 

  

Gesellschaft für bedrohte Völker

Bosnisch-herzegowinische Sektion

 

S a r a j e v o, Juli 2000

 

 

Für Menschenrechte. Weltweit.

 

Gesellschaft für bedrohte Völker, Trampina 4/IV, 71000 Sarajevo

Tel.: 00387 33 213 707, Tel./Fax: 00387 33 213 709

e-mail: gfbv_sa@bih.net.ba, homepage: http://members.xoom.com/gfbvbh

 

 

 

 

Herausgeber: Gesellschaft für bedrohte Völker - Bosnien und  Herzegowina

Verantwortlich: Prof. Fadila Memišević

Redaktion: Prof. Fadila Memišević - Leiterin der GfbV - Bosnien und

                Herzegowina;  Belma Delić, Seniorassistent

Übersetzung auf Deutsch: Belma Delić

Druck: Eigendruck GfbV - Bosnien und Herzegowina

 

INHALT

 

Einführung ...............................................................................      4

 Die Schreie kamen von allen Seiten - Zeugenaussagen ...............      7

 Fünf Jahre danach ....................................................................    18

 Rückkehr .................................................................................    21

 Die ersten Reisen nach Srebrenica ............................................    22

 11.Juli in Potočari ....................................................................     26

 Zusammenfassung ...................................................................    32

 

 

 

Prof. Fadila Memišević

Leiterin der Gesellschaft für bedrohte Völker

Bosnisch-herzegowinische Sektion

 

  Einführung

  Srebrenica ist die fürchterlichste Erniedrigung des Westens seit Ende des Zweiten Weltkrieges

         Srebrenica war die erste bosnische Enklave, die 1993 zur "Schutzzone" der Vereinten Nationen ernannt wurde. Die Entscheidung kam vom General Mourillon während seines Srebrenica-Besuches im März 1993. Diese Initiative, die persönlich über das Fernsehen überbracht wurde, hat den Sicherheitsrat, der sowieso unter dem Druck der Weltöffentlichkeit war, gezwungen, im April 1993 die Resolution 819, in der Srebrenica zur "Sicherheitsschutzzone" ernannt wird, zu verabschieden.

In den Vereinten Nationen selbst war die Meinung darüber geteilt. Man befand sich sogar in der Situation, dass der Generalsekretär Boutros Ghali von Anfang an nicht geglaubt hat, dass man wirklich einen Schutz gewährleisten kann.

Zwei Jahre später, Anfang Juli 1995 wird Srebrenica seitens des Westens als erste Schutzzone an die Serben übergeben. (Einige Wochen später wurde auch Žepa vom gleichen Schicksal getroffen.)

In der Srebrenica-Enklave, die nach einer Schätzung 200 Quadratkilometer umfasste, lebten ca. 40.000 Zivilisten in unglaublichen Lebensumständen. Darunter waren Frauen, Kinder und Greise am zahlreichsten.

Mit der schrecklichen Blockade haben die bosnischen Serben aus Srebrenica ein einzigartiges „Ghetto“ gemacht, welches vollkommen auf internationale Hilfe angewiesen war und in welchem  das Recht des Aggressors herrschte.

Die Anwesenheit der UN-Soldaten hatte die Militäraktionen für zwei Jahre „eingefroren“. Ihre Anwesenheit sollte das Leiden der Bosniaken, deren Schicksal nun vollkommen von der humanitären Hilfe abhing, reduzieren.

Kleine humanitäre Transporte, die von Zeit zu Zeit durchgelassen wurden, brachten gerade so viel, wie zum Überleben notwendig war: Medikamente, Mehl, Bohnen, Öl und manchmal auch Schuhe und Kleidung.

Es fehlte praktisch an allem Lebensnotwendigen. Ohne Freiheit, in ständiger Angst vor der serbischen Artillerie und serbischen Hinterhalten blieben die belagerten Einwohner (80 % von ihnen waren Flüchtlinge aus Bratunac, Rogatica, Cerska, Sapna, Konjević Polje, Vlasenica, Zvornik) in ihrem Kampf fürs Überleben sich selbst überlassen. Die Zukunft dieser Menschen war praktisch in den Händen der Internationalen Gemeinschaft.

Anfang 1995 hat sich der Führer der bosnischen Serben, Radovan Karadžić, ermutigt durch immer häufigere Aussagen über Abzug der UNPROFOR-Truppen aus Bosnien, für eine Politik der vollkommenen Blockade entschlossen. Dies bedeutete praktisch die vollkommene Isolation der Enklave und die Blockade aller humanitären Transporte mit den benötigten Lebensmitteln und Medikamenten.

In der Enklave befanden sich zu dieser Zeit an internationalen Organisation: das Internationale Rote Kreuz, Ärzte ohne Grenzen und der UNHCR. Der erwähnten totalen Blockade wegen waren diese Organisationen sehr lange nicht in der Lage, Verstärkung oder neues Personal zu bekommen.

Im Mai 1995 klang der Kommentar von Nikola Koljević sehr zynisch, als er auf die Frage der Reuter-Journalisten über das Schicksal des Personals der internationalen Organisationen, das in dieser Enklave vollkommen blockiert war, antwortete: „Sie sind keine Geiseln, sie können gehen, wann immer sie wollen.“

Die Enklave wurde 1,5 Jahre lang von UN-Soldaten aus dem holländischen Kontingent „bewacht“. Ihre „Effektivität“ bestand nur darin, die bosnischen Soldaten zu entwaffnen.

Ende Mai wurden die serbischen Angriffe auf die Enklave immer brutaler. Am 30. Mai wurde Dugo Polje angegriffen, einen Tag später versuchte die serbische Armee, den UN-Punkt in Ljubisavići einzunehmen.

Am zweiten Juni zwangen die Truppen Karadžić´s  das holländische Bataillon dazu, vom Punkt in Zeleni Jadar abzuziehen. Danach war Zeleni Jadar unter der serbischen Kontrolle, welche auch die komplette Ausstattung der SFOR-Truppen an diesem Punkt übernahm. Nach diesem schändlichen Rückzug des holländischen Bataillons kam es zu Gesprächen, Unterhandlungen und Überzeugungsversuchen seitens des Oberst Karemans, dem Kommandanten des in Srebrenica stationierten holländischen Bataillons, mit der militärischen und zivilen Führung der Serben über den Rückzug vom okkupierten UN-Punkt.

Als Antwort auf die Forderungen des Oberst Karemans beschoss die serbische Armee  die Siedlung „Švedsko selo“ in Slapovići, in der ca. 3.000 Vertriebene, meistens Frauen und Kinder, untergebracht waren, und versuchte  den zweiten UN-Punkt in Ljubisavići einzunehmen. Gleichzeitig wurden auch die Angriffe auf Žepa intensiviert.

Am ersten Juli 1995 forderte Holland, von dieser Aufgabe erlöst zu werden, was die Vereinten Nationen auch akzeptierten. Später sollte sich jedoch herausstellen, dass kein Mitgliedsstaat der Vereinten Nationen diese Verpflichtung übernehmen oder mit Holland teilen wollte.

Etwas später erklärte die Ukraine ihre Bereitschaft, Truppen für den Schutz der Enklave zu entsenden; bevor die Ukrainer jedoch kamen, wurde Srebrenica „überrannt“.

Durch das Nicht-Intervenieren der Truppen der Vereinten Nation ermutigt, begannen die Serben damit, große Mengen an Waffen und Kriegstechnik aus Serbien heranzufahren und verteilten sie dann um Srebrenica. Anfang Juli steht ein Ring der Ungewissheit und Gefahr um Srebrenica; die serbischen Truppen festigen ihn von Tag zu Tag.

Der serbische General Ratko Mladić befahl am 6. Juli den Angriff auf die Enklave, wohl wissend, dass der Westen nicht eingreifen wird.

Früh morgens am 6. Juli begann die serbische Armee die entscheidende und letzte Offensive auf Srebrenica.

Die Aussage des französischen Generals Janvier, dass "sich Srebrenica allein verteidigen kann", hat jedes Eingreifen der UN-Truppen unmöglich gemacht.

Am dritten Tag der Offensive, am 8.Juli, nahmen die Serben Biljeg ein. Dort wurde ein Transporter des holländischen Bataillons beschlagnahmt, seine Besatzung nach Bratunac gebracht. Die Serben erpressten dann das UNPROFOR-Kommando in Sarajevo und hinderten den Generalsekretär der Vereinten Nationen, Boutros Ghali, daran, eine Entscheidung über den Einsatz von Luftangriffen in Srebrenica zu bringen. All diese Aktionen waren sehr erfolgreich und koordiniert mit der starken serbischen Lobby in Paris, London und New York, welche erfolgreich auf die Entscheidungen der Vereinten Nationen beim Verhindern der Intervention der NATO-Lufteinheiten Einfluss nahm. Man muss jedoch zugeben, dass Holland den Serben am meisten geholfen hat, da es gegen jede Art von Luftangriffen war, solange holländische Soldaten nicht aus Bosnien evakuiert worden seien.

Die anderen europäischen Mitglieder der Vereinten Nationen haben Holland absolut unterstützt und konnten keiner Aktion zustimmen, die die Holländer in Gefahr bringen würde. Die Serben wussten dies und hielten deshalb die Mehrheit der holländischen Soldaten als Geiseln in der UN-Basis in Potočari gefangen. Die schändliche Hilflosigkeit vor der unerträglichen Brutalität der Serben hat dazu geführt, dass Srebrenica zur schrecklichsten Erniedrigung für die westlichen Demokratien seit dem Zweiten Weltkrieg wurde.

Am 9.Juli wurden Hunderte von Menschen getötet, nachdem man die Siedlungen „Švedsko selo“ in Slapovići, Pusmulice und Ljubisavići angezündet hatte. Panzer, die man mit bloßem Auge sehen konnte, beschossen die Stadt ununterbrochen und näherten sich dem Zentrum. Das ungeschützte Volk floh in panischer Angst und unter schrecklichem Artilleriebeschuss zur Post, dem Krankenhaus und der UNPROFOR-Basis, die in Potočari stationiert war.

Das Krankenhaus war überfüllt, so dass Verwundete und Kranke in den Gängen lagen, während überall um sie herum Granaten fielen.

Neben den heimischen Ärzten leistete auch das medizinische Team „Ärzte ohne Grenzen“ Hilfe und operierte ununterbrochen. Dieses medizinische Team bat die holländischen Ärzte der UNPROFOR-Truppen, die in Potočari stationiert waren, um Hilfe.

Nach dem Bericht des medizinischen Teams „Ärzte ohne Grenzen“ haben ihre holländischen Kollegen jede medizinische Hilfe den leidenden Menschen Srebrenicas verweigert und begründeten dies mit der Tatsache, dass das medizinische Team der Vereinten Nationen nur dann medizinische Hilfe im besetzten Gebiet leisten kann, wenn sich unter den Verletzten auch Vertreter der Friedenstruppen befinden.

Diese Verweigerung medizinischer Hilfe für die leidenden Zivilisten ist ein weiterer Beweis für den unerträglichen Zynismus des westlichen Nicht-Intervenierens. Gerade wegen diesem Nicht-Intervenieren des Westens konnten die serbischen Truppen die Enklave sehr schnell unter ihre Kontrolle bringen.

Am nächsten Tag, dem 11.Juli, begann das größte Massaker an ziviler Bevölkerung in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg und das größte Leiden der Bosniaken in der Geschichte des bosniakischen Volkes.

Die Blauhelme konnten die Ausrottung und Massenvertreibung eines Volkes nur beaufsichtigen. Diese Politik der Vereinten Nationen hatte ja auch das Waffenembargo eingeführt und so den Bosniaken jede Möglichkeit für die Verteidigung ihrer eigenen Leben genommen.

Das holländische Bataillon hatte nach der Aussage des holländischen Verteidigungsministers Voorhoeve nicht die Aufgabe, die Enklave zu schützen sondern nur die Angreifer zu entmutigen, da man annahm, dass allein die Anwesenheit der Vereinten Nationen  in den Schutzzonen genüge, um diese Aufgabe zu erfüllen.

Diese Annahme wurde in Srebrenica in einer dramatischen Weise bestraft. Den größten Preis für diese falsche Annahme bezahlte die Zivilbevölkerung, die Opfer einer Massenexekution wurde. Davon zeugen die US-Satellitaufnahmen  wie auch Hunderte von Aussagen der überlebenden Zeugen.

Niemand hat versucht, dieses Massaker zu stoppen. Es ist offensichtlich, dass alles schon früher entschieden wurde. Vor allem seitens der USA, die schon ein halbes Jahrhundert über eine bedeutende Macht in Europa verfügen.

Schon 1991 entschied jedoch die Regierung des Präsidenten Bush, dass sie sich enthalten und keine Gewalt anwenden wird. Die NATO war praktisch ausgeschlossen.

Die Europäische Union hat behauptet, es gäbe keine Möglichkeit, Gewalt anzuwenden. Die westlichen Mächte haben praktisch  grünes Licht für den Krieg in Bosnien gegeben, und niemand hat sich dieser schrecklichen Massaker wegen gesorgt.

Der größte Fehler des Westens bestand darin, dass man die Aggression auf Bosnien so bekämpfen wollte, wie man die Auswirkungen von Naturkatastrophen wie Erdbeben oder Überschwemmungen bekämpft. Statt einer Verteidigung führte man eine karitative Initiative und humanitäre Hilfe ein. Die strategische Bedeutung der Friedenstruppen war, als Polizisten den Zufluss der h